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    Wie können wir Mental Load verhindern?
    Gründe, negative Folgen und Wege, das Problem kurz- und langfristig zu lösen - Interview mit Laura Fröhlich

    Meist kümmern sich Frauen größtenteils um Haushalt & Kinderbetreuung, die Männer arbeiten zu, zudem organisieren Mütter oft das Familien- und Sozialleben. Sie kämpfen sich mit zig To-Do Listen im Kopf durch den Tag, achja nebenbei gehen sie auch noch einem bezahlten Job nach. Doch wie geht es ihnen eigentlich dabei?

    Eine kleine Umfrage im Team der SOCIAL MOMS hat ein 100% einheitliches Ergebnis geliefert. Alle befragten Mütter haben auf die Frage, ob sie sich von Mental Load betroffen fühlen mit “JA” geantwortet. Ohne WENN und ABER und vor allem, ohne zu zögern. Wie sehr dieses Problem in der Gesellschaft besteht, ist wohl unumstritten, auch wenn wir erst seit Kurzem ein Wort dafür haben, trifft es sicherlich Mütter seit Generationen. Doch was ist Mental Load nochmal genau? Im Grunde beschreibt es die Belastung im Kopf von allen unsichtbaren Aufgaben, in Familie, Haushalt. Beruf, die zu den sichtbaren hinzukommen.

    Wie dem SOCIAL MOMS Team ging es auch Laura Fröhlich. Sie betreibt den Mamablog Heuteistmusik, der sich mit feministischen Themen, wie finanzieller Unabhängigkeit für Frauen und Mental Load, beschäftigt. Wir haben mit ihr über ihren eigenen Mental Load gesprochen, wie sie einen Ausweg suchte, ihn fand und nun anderen dabei helfen will.

    Liebe Laura, erkläre doch mal das eigentliche Problem. Was ist Mental Load genau, woher kommt es und warum gibt es ihn immer noch, obwohl das Problem doch sicherlich schon lange besteht und erst in den letzten Jahren einen Namen bekommen hat?

    Mental Load steht für die mentale Last, an alles denken zu müssen. In einer Familie fällt da natürlich eine Menge an. Wer schreibt Zahnpasta auf den Einkaufszettel, wer denkt an die neue Matschhose für das Kind? Wer wechselt den Staubsaugerbeutel, kümmert sich um Geschenke zum Geburtstag und Kuchen für das Schulfest. Dabei besteht eine Aufgabe eben nicht nur aus der Ausführung, sondern außerdem aus Planung und Konzeption. All das machen in den meisten Familien vor allem die Mütter und das war auch schon immer so. Aber nicht weil sie das besser können, sondern weil es von ihnen erwartet wird. Frauen haben diese Erwartungen übernommen und haben das Gefühl, für all diese Dinge verantwortlich zu sein. 

    „Ich dachte erst, ich bin einfach nicht belastbar genug oder eine schlechte Mutter."

    Wie kam es dazu, dass du dich mit dem Thema beschäftigt hast?

    Ich hatte selbst ein großes Mental-Load-Problem, war total überlastet, obwohl mein Mann sehr viel Arbeit zuhause macht. Allerdings habe ich an alles gedacht und die Familie gemanagt, und zwar neben meinem Beruf als Journalistin. Als Patricia Cammarata vom Blog dasnuf.de mit diesem Thema anfing, ging mir ein Licht auf und ich habe erkannt, dass es diese mentale Last ist, die mich so fertig macht,

    Wie hast du selber auf die zusätzliche mentale Belastung als du Mutter geworden bist in deiner Familie reagiert? Wie ging es dir damit? 

    Die ersten Jahre habe ich gar nicht gemerkt, für was ich da auf einmal alles zuständig war. Außerdem haben meine Freundinnen diese Arbeit auch gemacht und ich dachte erst, ich bin einfach nicht belastbar genug oder eine schlechte Mutter, weil mir der Alltag so schwer fiel. Erst mit der Zeit und vor allem durch die Beschäftigung mit Mental Load und den Gründen dafür wurde mir klar, dass nicht ich das Problem war, sondern die stereotypen Rollenbilder. Frauen wird diese Kümmer-Rolle einfach von klein auf zugeschoben.

    „Nicht ich war das Problem, sondern die stereotypen Rollenbilder."

    Warum trifft es so besonders die Mütter? Ist das nur, weil Mütter mehr Zeit mit Kindern verbringen oder gibt es da noch andere Faktoren, Stichwort: Gefühlsarbeit?

    Es sind ja immer noch zum großen Teil die Mütter, die Elternzeit nehmen und viel zuhause bei den Kindern sind. Dass wir uns so intensiv um unsere Familie kümmern, liegt weniger in unserem Geschlecht begründet, denn wir sind zum Kümmern geboren, weil wir Menschen sind. Männer sind dazu ebenso fähig, aber es wird von ihnen einfach nicht erwartet. „Gefühle sind Frauensache“, mit dieser Einstellung wachsen wir auf und das manifestiert sich in unserem Bewusstsein, weil wir durch Werbung, Filme, Musik und aktuell vor allem durch das Internet geprägt werden.

    Gefühlsarbeit soll der Familie und besonders den Kindern Geborgenheit vermitteln und geben. Wie du sagst, wird sie schon bei Mädchen mehr beobachtet als bei Jungs. Ist es also Erziehung & Vorleben?

    Weil sich vor allem Frauen kümmern, wachsen unsere Kinder mit genau diesem Wissen auf. Kleine Mädchen lernen, dass ihnen Puppen zugeordnet werden, Jungen versammeln sich in der Bauecke. Zuhause macht es die Mama gemütlich, Papa ist eher für Auto und Finanzen zuständig. Das prägt ungemein. Aber es sind natürlich nicht nur die Eltern, sondern eben auch Einflüsse aus dem Kindergarten, der Schule, durch Freunde und die gesamte Umwelt. Wir sind es gewohnt, stark nach Geschlecht zu unterscheiden, was eigentlich sehr schade ist. Ganz unbewusst erwarten wir von den Mädchen, dass sie sich schnell wieder vertragen, wenn es Streit gibt. Dass sie der Oma eine Karte schreiben oder sich „brav“ verhalten. Wir Frauen reagieren sensibel auf unsere Umwelt weil wir wissen, dass wir für die Gefühlsarbeit zuständig sind. Unsere Gefühle für die der anderen zu regulieren erscheint uns selbstverständlich. Gefühlsarbeit ist eine sehr wichtige und wertvolle Arbeit, die aber sehr unsichtbar ist und oft von Frauen übernommen wird. Daher ist das ein Problem, denn es fördert den Mental Load ungemein.

    „Männer sind ebenso fähig sich um Kinder zu kümmern, aber es wird von ihnen einfach nicht erwartet."

    Wenn es mit der eigenen Erziehung zu tun hat, die wir selbst genossen haben, wie können wir konkret dagegen wirken bei unseren Kindern?

    Uns dieser Stereotypen bewusst zu werden ist ein guter Schritt. Und dann können wir reflektieren, dass wir doch stärker zwischen den Geschlechtern unterscheiden, als uns lieb ist. Dann wird es leichter, sein eigenes Verhalten den Kindern gegenüber zu verändern. Seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige, bin ich sehr sensibel, was meine Tochter angeht. Ich lasse sie eher wild und laut sein, erwarte nicht von ihr, dass sie die Streitereien mit ihren Brüdern löst.

    Die Befragten im Team wirken allerdings durch die Bank weg so, als hätten sie alles im Griff und würden unter der bestehenden (Doppel-)Belastung nicht leiden. Was kann Mental Load aber für Folgen haben, lang- wie kurzfristig?

    Mental Load muss nicht jede Mutter betreffen. Die mentale Arbeit wird erst dann zur Last, wenn sie erschöpfend ist. An alles denken zu müssen führt schnell dazu, dass der Kopf nie Pause hat. Man hat wenig Kapazitäten für sich, für die eigenen Gedanken, für Zukunftspläne oder intensive Erholung. Das führt zu einem enormen Stresslevel und im schlimmsten Fall zu Burn Out oder starker psychischer Erschöpfung bis hin zu Depressionen.

    Was ist zu tun, wenn wir das Gefühl haben durch Mental Load nicht mehr beruflich leistungsfähig zu sein?

    Tatsächlich wird Mental Load auch beruflich zum Problem. Weil sich Mütter so stark für die Familie verantwortlich fühlen, sind sie immer abrufbereit. Wer ständig mit den Gedanken bei den Kindern oder bei Besorgungen ist, die noch gemacht werden können, kann sich nicht intensiv konzentrieren. Übrigens gibt es zahlreiche Studien, die zeigen, dass Mütter auch dann für die Familienorganisation verantwortlich sind, wenn sie ganztags berufstätig sind. Also ist es kein Wunder, dass sie ausgelaugt sind. Die Lösung heißt in allen Fällen, die Familienorganisation bewusst gerechter zu verteilen.

    „Das führt zu einem enormen Stresslevel und im schlimmsten Fall zu Burn Out oder starker psychischer Erschöpfung bis hin zu Depressionen."

    Wie kann ich Mental Load in den Zusammenhang mit einem (Mama-)Burnout bringen?

    Wer ständig schuftet, ob unbezahlt zuhause oder bezahlt im Job und nebenher noch die Familie organisiert, der ist ausgelaugt. Ein Problem ist auch der Gedanke, dass diese mentale Arbeit nie aufhört und es keinen Feierabend gibt. Arbeit zuhause gibt es auch am Wochenende, weil Kinder laufend Bedürfnisse haben. Es muss aufgeräumt und eingekauft, organisiert und terminiert werden. 

    Was hast du persönlich in deinem Leben geändert?

    Mein Mann und ich haben viel geredet und ich konnte ihm mein Problem erklären, dass ich mich verantwortlich fühle und daher von vornherein die meisten Aufgaben übernehme. Wir haben uns mal zusammengesetzt und alle Aufgaben aufgeschrieben, die wir täglich tun und haben gleich gesehen, dass hier ein enormes Ungleichgewicht besteht. Ist ja auch normal, wenn einer öfter zuhause ist. Aber dennoch steht die Care-Arbeit von vielen Müttern in keinem Verhältnis dazu, dass sie weniger berufstätig sind. Wir haben Stück für Stück daran gearbeitet, die Care-Arbeit gerechter zu verteilen und auch wenn es gedauert hat, klappt das nun richtig gut. Allerdings liegt das auch daran, dass mein Mann seine Arbeitszeit reduziert hat. Ich habe das gefordert und er war einverstanden. Das ist leider in vielen Familien nicht so leicht möglich.

    Gab es bei dir einen Schlüsselmoment, der dir gezeigt hat, jetzt musst du etwas in deinem Leben ändern? Wenn ja wann war der und warum?

    Es war im Urlaub. Ich hatte mich auf Erholung gefreut, aber irgendwann bemerkte ich, dass ich ganz aus Gewohnheit trotzdem an alles denke. Meine Familie macht es sich da auch etwas bequem, denn mein Mann und meine Kinder verlassen sich darauf, dass ich immer weiß, wo ihre sieben Sachen sind, was es mittags zum Essen gibt oder was wir unternehmen.

    Wie schaffen wir, etwas zu ändern?

    Indem wir uns mit dem Problem auseinander setzen, die stereotypen Rollenbilder hinterfragen und uns wirklich ernsthaft miteinander beschäftigen und nach Lösungen suchen.

    Was kann jeder Einzelne tun, was kann die Gesellschaft tun, um Carearbeit und Familienmanagement mehr Wertschätzung beizumessen?

    Es fängt schon beim Sprechen an. Eine Mutter ist niemals „nur“ zuhause und „arbeitet ja eigentlich nicht“. Ich finde die Arbeit zuhause oft sehr anstrengend und fordernd, weil man nichts in Ruhe fertig machen kann. Diese Fürsorge-Arbeit gilt es zu würdigen, das ist ein guter Schritt.

    Ich bin der Auffassung Kommunikation ist immer der erste Schritt für eine Problemlösung und sei es nur, um sie auszusprechen und diese Information zu verbreiten. Sicherlich spielt für viele auch das altbekannte “geteiltes Leid ist halbes Leid” eine Rolle, aber wie können wir das Problem wirklich anpacken? Müssen wir noch mehr darüber sprechen?

    Ja, gerade in einer Paarbeziehung kommt es auf die Kommunikation an. Die meisten Frauen haben ein Mental Load-Problem. Die Männer sind natürlich daran beteiligt, aber sie sind nicht einfach schuld daran. Das Beste ist, Frauen thematisieren ihre Belastung und fordern konkret Unterstützung.

    Nicht alle Eltern möchten Arbeit und Kinderbetreuung gerecht untereinander aufteilen. Und das ist den Vätern und Müttern selbst überlassen. Dennoch sollte jedes Elternpaar überdenken ob dieser ganze Orga-Kram nur an einem hängen sollte. Wie schaffen wir es mehr Verantwortung abzugeben und gleichzeitig mehr (von dem anderen) zu erwarten?

    Welche Aufteilung ein Paar als fair empfindet, ist tatsächlich individuell. Wenn einer zuhause die Care-Arbeit macht und der andere berufstätig ist, sieht die Aufteilung natürlich anders aus als bei einem Paar, das gleichermaßen erwerbstätig ist. Ich empfehle, einmal alle Aufgaben aufzuschreiben und dann gemeinsam durchzugehen, wer für was Verantwortung übernimmt und welche Aufteilung sich für beide gut anfühlt.

    Wie geht es Familien, bei denen der Vater mehr Care-Arbeit übernimmt. Wird die unsichtbare Arbeit des Familien-Managements, dann komplett vom Vater übernommen? Und: Sind diese ebenso von Mental Load betroffen?

    Das gibt es natürlich auch. Wenn sich nur der Vater kümmert, trägt er den Mental Load alleine und das ist natürlich genauso belastend wie für Mütter. Wer zuhause Kinder betreut und einen Großteil der Hausarbeit macht, sollte nicht auch noch die gesamte Familienorganisation am Hals haben. Das wäre mehr als eine 60 Stunden-Woche.

    Wie gehen Familien, die ein anderes Modell leben mit dem gesellschaftlichen Druck und Blick auf sie um?

    Ja, das ist wirklich eine schwere Frage, denn Eltern, die nicht das klassische Modell leben, haben viel gegen Vorurteile zu kämpfen. Hier hilft eine dicke Haut und das Bewusstsein, dass die eigene Zufriedenheit und das Glück der Familie an erster Stelle steht. 

    Was ist die Lösung für Eltern in unserer Gesellschaft, wie sollen sie sich Verhalten, wenn sie für eine Gleichberechtigung kämpfen wollen?

    Am besten, Eltern setzen sich für eine gleichberechtigte Welt ein. Väter kämpfen für mehr Zeit mit ihren Kindern, Mütter für mehr Freiheit und bessere Jobchancen und beide zusammen für mehr Wertschätzung von Care-Arbeit. Aber wer kann schon kämpfen, wenn er mental belastet ist? Also beginnt das Umdenken erst einmal zuhause. Langfristig brauchen wir aber strukturelle Veränderungen, mehr Kita-Plätze mit ausreichendem Betreuungsschlüssel, im besten Fall die 30-Stundenwoche für alle und Zeit, um sich ausreichend um Kinder, pflegebedürftige Angehörige und sich selbst zu kümmern. Darüber hinaus viel mehr Unterstützung für Alleinerziehende, denn die haben kaum Möglichkeiten, ihren Mental Load zu teilen. 

    „Väter kämpfen für mehr Zeit mit ihren Kindern, Mütter für mehr Freiheit und bessere Jobchancen und beide zusammen für mehr Wertschätzung von Care-Arbeit."

    Photo by Sydney Sims on Unsplash

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    Die Diplom-Kauffrau mit jahrelanger Agentur- und Redaktions-Erfahrung ist Mama von 3 Söhnen und ein absoluter Sonnenschein. Ohne ihr blaues Fahrrad ist Saskia nie unterwegs und wahrscheinlich hat sie deshalb so gute Laune, weil sie die einzige von uns ist, die sich bei Wind und Wetter an der frischen Luft bewegt. Egal wie stressig und voll die Tage sind, Saskia schafft es nicht nur immer top auszusehen, sondern nebenbei auch noch uns allen Komplimente zu machen. Sie bereichert mit ihrem Spirit das Unternehmen und ist für unsere Redaktion zuständig und wer Aufmunterung braucht, der ist bei ihr genau an der richtigen Adresse.

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