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    Du musst keine perfekte Mama sein!
    Weg von der romantisierten Mutterrolle und hin zu den eigenen Bedürfnissen und mehr Anerkennung, das rät uns Gastautorin und Dreifachmama Lina Baum.

    Lebst du wirklich nach deinen eigenen Bedürfnissen? Oder entsprichst du irgendwie auch den gesellschaftlichen Ansprüchen, die du unterschwellig zu spüren bekommst? Gastautorin Lina Baum hat nach Jahren der Selbstaufgabe damit jetzt Schluss gemacht. Denn gedankt hat es ihr niemand. Heute lebt sie glücklich und mit Mut zum Chaos und ist ihren Kindern damit das beste Vorbild in Sachen Selbstliebe! Die folgenden Worte schenkt sie dir nun zur Ermutigung und erzählt von ihrem Weg zurück zu sich selbst.

    Von Wunsch und Wirklichkeit

    Als ich mit Mitte Zwanzig geplant schwanger wurde, wusste ich da wirklich was ich wollte? Klar, ich wollte ein Kind haben. Ein süßes, kleines Baby zum Liebhaben und zum Liebgehabtwerden. Ich wollte mit meinem Mann zusammen Eltern sein. Die Vorstellung fand ich toll: Wir beide, bereits seit neun Jahren ein Paar, sollten mit einem gemeinsamen Kind die nächste Sprosse auf der Lebensleiter erklimmen. Ich war mir der neuen Verantwortung vollauf bewusst und entschied somit, nicht nur ein Kind haben zu wollen, sondern auch Mutter zu sein. Darin besteht tatsächlich ein großer Unterschied. Ich nahm also aus voller Überzeugung eine Rolle an, die mir fremd war und für die ich außer meiner eigenen Mutter keinerlei Vorbilder hatte. Ich war die erste im Freundeskreis mit Baby und außer meinen Eltern gab es keine weiteren Familienmitglieder. 

    Meine Grundhaltung war: Ich wollte alles besser machen als meine Eltern, ich wollte viel herzlicher und geduldiger sein als meine Mutter, meine Kinder niemals anschreien oder schlagen, sie nicht beschimpfen, überhaupt wollte ich leise und weise meine Kinder zu guten Menschen heranziehen. Ein mit Nachdruck gesprochenes Wort sollte reichen, um bei meinem Kind Einsicht zu wecken, immer sollten Liebe und Empathie für das Kind spürbar sein und knifflige Themen würde ich ganz einfach spielerisch lösen. 

    Ganz ehrlich, das ging sogar fast zwei Jahre gut. Was hatte ich für eine Geduld mit meinem immer schreienden, permanent unzufriedenen Kind. Ich war der Fixstern meiner Tochter, nur an meinem Körper fühlte sie sich sicher, nur dort beruhigte sie sich. 

    Doch der Preis war hoch: Ich konnte mich keinen Meter von meinem Kind wegbewegen, ohne dass es zu schreien begann. Ich war zunehmend verzweifelt, weil ich doch alles tat, um es meiner Tochter recht zu machen, aber irgendwann war nicht einmal mehr der Körperkontakt gut genug. Schlimmer noch: Alles war falsch.

    „Ich habe neun Jahre gebraucht, um ihr Wesen zu verstehen, das so gänzlich von meinem abweicht." 

    Für die entscheidende Erleuchtung werde ich Nora Imlau auf ewig dankbar sein. Nach zwei Jahren Singen, Tanzen, Backen, Basteln, in den Schlaf Wiegen, bis zum Abwinken die selben Bilderbücher Anschauen, Rollenspiele Spielen und stundenlangem im Tragetuch Umhertragen erwartete ich das zweite Kind. Und ich war am Ende. Ich hatte solch eine Angst, wieder so ein unzufriedenes Kind zu bekommen, was der Beweis gewesen wäre, dass ich einfach nicht als Mutter taugte, obwohl ich doch so lieb war und wirklich alles für mein Kind tat. 


    Mein zweites Kind war ein sehr genügsames Baby. Pflegeleicht, lieb, ein echter Sonnenschein. Lag das an mir? Bestimmt nicht. Der Kleine hatte einfach ein anderes Wesen als seine Schwester. Er nahm das Leben an, wie es ist, und wehrte sich nicht gegen jede kleine Veränderung im Alltag. Ich fand es toll, Mama von zwei Kindern zu sein! Meine Aufgabe im Leben war es, zwei kleine Menschlein beim Großwerden zu begleiten. Ich mutierte zur überzeugten Supermama und jonglierte spielend leicht mit Windeln, Geschwisterstreit, Tobsuchtsanfällen und Trotztiraden. Manchmal fühlte ich ich wirklich Superkräfte in mir wirken und gab alles, um eine perfekte Mutter zu sein. 

    „Ich wollte der romantisch verklärten Mutter entsprechen, die einem von jedem Werbeplakat entgegen strahlt und wurde gewollt zur eierlegenden Wollmilchsau."

    Was macht eine perfekte Mutter aus? 

    Ich wollte meinen kleinen hilflosen Kindern immer Wärme und Geborgenheit geben, sie beschützen, voller Geduld und Empathie ihre Entwicklung bestaunen und begleiten, immer ein Ohr haben für ihre großen und kleinen Nöte, mich wirklich GERNE um sie kümmern, immer eine Lösung für ihre Probleme haben, die Bedürfnisse meiner Familie erkennen und befriedigen, Kummer und Schmerz erdulden, natürlich auch krank für alle anderen da sein, für Ordnung und Struktur im Familienalltag sorgen, die Planung und Organisation übernehmen, die Kinder fördern und die Gesundheit an Körper, Geist und Seele meiner Liebsten im Blick behalten. 

    All das gab ich. Und was bekam ich? 

    Diese Frage stellte ich mir mehrere Jahre lang gar nicht. Jedenfalls bekam ich keine Fürsorge, auch nicht, wenn ich krank war. Superhelden haben kein Anrecht auf Schlaf, Urlaub oder drei Tage Nichtstun. 

    Ein Schlüsselerlebnis war besonders schmerzhaft: Nach einem Hexenschuss lag ich mit verzerrtem Gesicht und bewegungsunfähig auf dem Boden und wurde von meinen Kindern und meinem Mann ausgelacht, „weil Mama so komisch aussieht“. Da wurde mir bewusst, dass meine Lebensaufgabe zu einer Selbstaufgabe geworden war. Meine Partnerschaft war nur noch ein Delegieren von Aufträgen, denn unter solch einer allumfassenden Fürsorge werden passive Partner gerne selbst wieder zu Kindern, die keine Eigeninitiative entwickeln. 

    Ich befand, dass es an der Zeit sei, vor mir selbst und auch vor anderen zuzugeben, dass ich gar keine Superheldin war und es auch gar nicht sein wollte. Es fiel mir nämlich überhaupt nicht leicht, zwei Wickelkinder zu haben, von denen das eine schon viel mehr wollte, als es konnte und das andere schon viel mehr konnte, als es wollte. 


    Ich hatte einen kaputten Rücken und war dauererkältet, der nächtliche Schlafentzug ließ keine Erholung zu und die geduldige, liebevolle Mama war ich auch immer weniger. Mama die Maschine. Und nun? Erst einmal wurde ich zur Maschine. Ich funktionierte einfach weiter und der Frust bohrte sich immer tiefer. Um die Familie auch finanziell unterstützen zu können, begann ich zu arbeiten, sobald mein Sohn ein Jahr alt war. 

    Mein Mann verließ sehr früh am Morgen das Haus, ich weckte die Kinder, machte sie bereit für den Kindergarten, brachte sie dorthin, ertrug ihr Weinen, weil sie nicht dort bleiben wollten, düste zur Arbeit, verbrachte dort stressige Stunden, setzte mich gegen die Vorwürfe zur Wehr, keine Bereitschaft zu zeigen, Überstunden zu machen, hetzte zum Kindergarten, holte die Kinder ab, ertrug ihr Weinen, weil sie nicht gehen wollten, ging auf den Spielplatz, schaukelte, rutschte, tröstete, natürlich hatte ich immer Feuchttücher, Pflaster und Wechselwäsche dabei. Mein Mann stieß dann irgendwann dazu und beklagte sich über einen langweiligen Tag im Büro. 

    Warum war ich denn so frustriert? 

    Das fragte ich mich oft. Ich hatte die Mutterrolle mit all ihren Verpflichtungen und Einschränkungen frei gewählt und es gab so viele wunderbare Momente der Liebe, des Zusammenhaltes und der Wärme. Was also war los mit mir? 

    „Das, was mir neben ausreichend Schlaf wirklich fehlte, war Anerkennung."

    Aus meiner Sicht leistete ich Übermenschliches, aber es wurde nicht gesehen. Nicht von meinem Mann, natürlich nicht von meinen Kindern und auch nicht vom Rest der Gesellschaft. Als Mutter hat man sich nicht so anzustellen, man soll sich nicht gehenlassen, Millionen Frauen vor mir haben das doch auch schon geschafft, die Generationen vor mir haben nicht so viel gejammert. 

    Wenn sich nicht alles ums Kind dreht, ist man eine Rabenmutter und egoistisch, wenn man nicht arbeiten geht, weil ein 24- Stunden-Job reicht, um auf dem letzten Loch zu pfeifen, wird man als Heimchen belächelt, wenn man als Mutter Vollzeit arbeiten geht, tun dem Rest der Welt die armen Kinder leid, die auf ihre selbstsüchtige Mutter verzichten müssen. Kurzum: Egal, wie ich mein Leben gestalte, die Kommentatoren werden nicht auf sich warten lassen. 

    Ein hochrangiger Mitarbeiter der Lufthansa erklärte mir kürzlich, Frauen gehörten nicht in Führungspositionen, da sie unwirtschaftlich seien, sobald sie durch eine Schwangerschaft ausfielen. Ich war sprachlos und erinnerte mich an eine Anekdote meiner Mutter, die als junge Frau in der Verwaltung eines Krankenhauses arbeitete. Der damalige Chefarzt in der Gynäkologie bekam viel Beifall von seinen männlichen Kollegen, als er meinte, eine Frau als Ärztin würden sie nur einstellen, wenn sie ihnen vorher ihre Gebärmutter auf den OP-Tisch lege.

    Gab es überhaupt eine Entwicklung in der Denkweise?

    Zwischen diesen Aussagen liegt ein halbes Jahrhundert und es gab seitdem offenbar kaum eine Entwicklung in der Denkweise. Immer noch werden Frauen von der Wirtschaft und Politik wie eine Minderheit behandelt, sie sind minder wirtschaftlich, offenbar minder kompetent und somit von minderem Wert. Natürlich sind wir das nicht! Wir machen die Hälfte der Gesellschaft aus, wir sind 50% der Wählerschaft. Die männliche und weibliche Denkweise ergänzen sich wunderbar und sind beide erst durch den anderen vollständig. 

    „Doch gerade die Mutterschaft fühlt sich mitunter an wie eine Strafe: Erst wird eine junge Mutter glorifiziert wie eine Heilige, dann vom Staat als unwirtschaftlich abgestempelt und im Alter fallengelassen."

    Dabei erschaffen wir Leben, teilen unseren Körper, riskieren mitunter unser Leben dabei, prägen durch unser Verhalten eine ganze Generation und schenken dem Staat Steuerzahler, Konsumenten und im schlimmsten Falle sogar Kanonenfutter für sinnlose Kriege. Als Dank bekommen wir weniger Gehalt, weniger Rente, werden im Gegenzug aber von der Babykonsum- und Kosmetikindustrie geschröpft und gelten als nicht belastbar, wenn wir unsere Überlastung ansprechen. 

    Trotzdem bekam ich mein drittes Kind

    Warum denn das?" wirst du dich jetzt vielleicht fragen. Weil es sich richtig anfühlte. Es war mein letztes, auf eine eigenartige Art mein Herzenskind. Meine älteste Tochter hatte mich zur Mutter gemacht, sie zwingt mich bis heute mit ihrem eigensinnigen Wesen, mich intensiv mit mir selbst auseinanderzusetzen. Sie treibt mich voran. Mein Sohn holte uns Eltern auf den Boden zurück. Es war gut, dass wir durch ihn lernten, nicht mehr unentwegt, um seine Schwester zu kreisen. Er zeigt uns, dass wir als Eltern genau richtig für ihn sind und er uns alle so liebt, wie wir sind. Meine Jüngste ist bis heute unsere Friedensstifterin, das ausgleichende Element. Sie erspürt jede negative Schwingung und bringt mit ihrer Herzenswärme und wenigen Worten die Familiendynamik ins Lot. 

    Als die Kleine drei Monate alt war, trennte ich mich von meinem Mann. Ich bin ihm dankbar für fast zwanzig harmonische Jahre, drei wunderbare Kinder und dafür, dass wir trotz Trennung Freunde bleiben konnten. Nun habe ich einen Mann an meiner Seite, der wie ich viele Jahre zuvor erst noch in seine Rolle hineinwachsen muss. Es gibt viele neue Konflikte, aber auch viel mehr Teamwork als vorher. 

    Mamas Metamorphose 

    Zehn Jahre sind seit der Geburt meiner ersten Tochter vergangen, ich bin geschieden, lebe in Patchwork mit meinem kinderlosen Partner und beginne nun, mit dem Muttermythos aufzuräumen. Für mich, für meine Kinder und für meinen Partner, der sich wahrscheinlich oft fragt, in was für ein Irrenhaus er da geraten ist. Und ich möchte andere Mütter ebenfalls dazu ermutigen, ihren eigenen Mythos, den sie auch selbst erschaffen haben, zu überdenken. Dazu hilft der Blick auf unsere Mütter und Großmütter, die uns so stark geprägt haben: Was waren sie für Menschen, was für Rollenbilder haben sie erfüllt, welchen gesellschaftlichen Zwängen haben sie sich gebeugt, konnten sie wirklich die Mütter sein, die sie sein wollten und was für Erlebnisse haben sie womöglich blockiert? Sind wir bereit, unser Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, oder setzen wir nur alte, vorgelebte Muster fort?

    Wann wurde ich nun die Mutter, die ich sein will? 

    Als ich mich von ganzen Herzen und ohne schlechtes Gewissen dazu entschied, die zu sein, die ich bin. Mit meinen Bedürfnissen nach Ruhe und Alleinsein, geistiger Tätigkeit und einem starken Vorwärtsdrang, den ich nicht mehr zum vermeintlichen Wohl anderer unterdrücken möchte. Ich bin in erster Linie ich, ein Mensch mit Gefühlen und Grenzen, dann bin ich Frau, dann Mutter. 

    Das will ich auch meinen Kindern mit auf den Weg geben: Lass dich nicht in eine Rolle zwängen. Das gilt genauso für Mädchen wie für Jungen. Bleibe du selbst bei allem, was du tust und handle nur aus eigener Überzeugung und nicht, weil irgendjemand das von dir erwartet. 

    „Die Erwartungshaltung anderer kann schon ganz schön einschränken und Entscheidungen beeinflussen, aber noch viel schlimmer sind die Erwartungen, die wir an uns selbst stellen." 

    Die meisten von uns sehnen sich doch nach Liebe, weil wir nicht zur Selbstliebe erzogen wurden. Wir ziehen unseren Selbstwert aus der Beurteilung durch andere und versuchen ihnen immer einen Schritt voraus zu sein, um bloß nicht anzuecken. Wir nehmen also vorweg, was andere denken könnten und richten unser Handeln bereits nach dieser vermeintlichen Bewertung. 


    Es tut ungemein gut, sich zunächst von diesem selbstgemachte Druck zu lösen. 

    • Ich muss nach dem x-ten Kind keine dekorative Milf sein, weil die Pornoindustrie mit dieser Illusion ein Milliardengeschäft macht.
    • Ich darf mich „gehenlassen“, wenn mir danach ist, weil Schwachsein menschlich ist. 
    • Wenn ich eine Woche lang meine kranken Kinder zu Hause betreut und mich angesteckt habe, muss ich nicht mit Fieber zur Arbeit gehen, sondern mich im Bett auskurieren. Denn meine Aufgaben ernst zu nehmen, heißt nicht, mich selbst aufzugeben und die eigenen Bedürfnisse außer Acht zu lassen. 
    • Ich übe mich bewusst darin, kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, diesen nervigen, permanenten Begleiter fast aller Mütter. Unsere Familienmitglieder wissen ganz genau, wie hin-und hergerissen wir innerlich sind und wo sie die Gefühlsquetsche ansetzen müssen. 
    • Sobald ich mich verhalte, als ob ich schlechtgelaunte Götter mit Opfergaben milde stimmen müsste, stoppe ich mich selbst und frage mich: Habe ich gerade Freude daran, sämtliche Yakari Folgen mit Playmobil-Figuren nachzuspielen oder mache ich das nur, damit es kein Geschrei gibt? Die Antwort liegt auf der Hand und so sage ich meiner Tochter, dass ich gerne noch zehn Minuten mit ihr spielen werde, danach aber etwas anderes machen möchte. 

    Jeder Mensch sucht seinen Vorteil von klein auf, warum sollen Mütter das nicht auch dürfen? 

    Es geht dabei nicht um Egotrips auf Kosten anderer, sondern es geht um ein Miteinander, um das Kommunizieren von Bedürfnissen, das Achten von Grenzen und um ein Zuhören. Das Leben ist voller Kompromisse, unsere Liebsten können auch welche eingehen. Ein hilfreicher Nebeneffekt von Handeln ohne schlechtes Gewissen ist die Klarheit. Wenn ich vor meinem Kind etwas aus Überzeugung mache oder lasse, dann ist die Akzeptanz beim Kind sofort viel größer, als wenn ich ihm mit meinem schlechtes Gewissen zu verstehen gebe, dass ich selbst nicht genau weiß, was ich will. Dann nämlich wittert das Kind sofort eine Chance, sein eigenes Bedürfnis durchzusetzen. Zur Not eben mit Tränen oder Geschrei. Dabei wird das Kind keinen Schaden davontragen, wenn seine Mutter klar vermittelt, dass sie auf der Toilette alleine sein möchte und die Tür verriegelt. 

    Es hat auch nichts mit Liebe zu tun, wenn ein Kind es nicht eine Minute ohne die Mutter aushält oder mit Lieblosigkeit, wenn die Mutter sich dort dennoch zehn Minuten lang einsperrt. Es geht darum, dass auch Mütter Grenzen haben und eine Privat- und Intimsphäre brauchen. Sie müssen diese Grenzen nur klar ziehen. Für sich selbst und auch sichtbar für andere. Ich persönlich kämpfe oft noch gegen mein schlechtes Gewissen, wenn ich in der Gegenwart meiner Kinder von zu Hause aus arbeite. Ich bin zum Greifen nahe und doch nicht verfügbar wie sonst. Ich bin genervt, gestresst und ungerecht, wenn ich gestört werde und meine Kinder sind beleidigt und vermissen mich, obwohl ich da bin. Anfangs habe ich meine Arbeit dann aus schlechtem Gewissen beiseite gelegt und auf die Nachtstunden verschoben. Ich habe mich selbst verrückt gemacht in der Erfüllung meiner eigenen Erwartung, meine Kinder nicht zu enttäuschen. 


    Als meine Arbeit immer öfter liegenblieb, habe ich die Enttäuschung meiner Kinder in Kauf genommen, dem zugestimmt, dass es für sie gerade blöd ist und vermittelt, dass es mir für mich aber wichtig ist. Schlagartig war Akzeptanz da und meine Sohn meinte kürzlich zu mir: „Du bist cool, Mama, dein Beruf passt zu dir.“

    Entscheidend war auch, dass ich aufhörte entnervt zu sagen: „Ich muss jetzt arbeiten“ und stattdessen sachlich betonte, dass ich jetzt gerne arbeiten möchte. Die Kinder verstanden sofort den Unterschied zwischen: Ich mache gleich etwas, dass mir gar keine Freude bereitet, und dafür müsst ihr auf mich verzichten. Oder: Ich tue gleich etwas, weil ich das möchte, und deshalb bin ich eine Zeit lang nicht für euch da. Väter scheinen damit weniger Probleme zu haben und auch die Gefühlsquetsche lassen sie weniger zu als Mütter. Das wiederum ist eine großartige Ergänzung zur weiblichen Empathie und eine wunderbare Grundlage für gegenseitige Unterstützung. 


    Support ist kein Mord, wie mein Sohn zu sagen pflegt. 

    Ich stelle mir also nun Tag für Tag eine einfache Aufgabe, die schwer umzusetzen ist: Ich bin Mutter und Mensch. Ich zeige beides! 

    Alle Gefühle sind erlaubt. Ich übe mich im Umgang der Gefühle, ich muss sie nicht kontrollieren, nur selbst verstehen und einordnen können. Und darüber reden! So lebe ich meinen Kindern einen gesunden Umgang mit mir und schließlich auch mit sich selbst vor. 

    Mama der Mensch 

    Bin ich jetzt eine tolle Mutter für meine Kinder? Nein. Ich bin normale Mutter für meine Kinder. Nicht Übermutter oder Helikoptermutter, sondern ein Mensch mit vielen Facetten. Manchmal finde ich mein Verhalten scheußlich. Dann rede ich darüber, sobald ich mich beruhigt habe. Versuche, es beim nächsten Mal nicht so weit kommen zu lassen, damit wir uns alle nicht so mies fühlen. 

    „Ich versuche nach wie vor, den Überblick im Familienchaos zu behalten, aber ich nehme mir nun auch regelmäßig meine Auszeiten."

    Manchmal haben wir keine Unterwäsche mehr im Schrank, weil der Schmutzwäschestapel bis zur Decke reicht. Manchmal gibt es nur schnell Toast mit Rührei als Abendessen und Toast mit Nutella zum Frühstück. Manchmal machen wir keinen Ausflug bei schönstem Wetter, sondern stattdessen gibt es stundenlanges Tablet-Daddeln. Manchmal bekomme ich einen Wutanfall wegen verstreuter Kleinsteile auf dem Boden, nehme den Staubsauger und sauge den ganzen Plastikmist mit dämonischem Lachen weg. Die Stunde danach ist blöd, wenn ich wieder bei Besinnung bin und mir klar ist, dass ich die Kinder nicht für die Sünden der Spielzeugindustrie bestrafen kann. Also hocke ich über dem aufgeschnittenen Staubsaugerbeutel und wühle das Zeug wieder aus dem Dreck heraus.

    Wir sind chaotisch, laut, wir schreien uns an, schlagen Türen und es fallen böse Worte. Auch das ist Familie!

    Heute kann ich sagen, ich bin Mutter von drei wunderbaren Menschlein, die so unterschiedlich in ihren Persönlichkeiten sind, dass ich niemals allen dreien gleichzeitig gerecht werden kann. Deshalb versuche ich es gar nicht erst, sondern nehme mir immer wieder vor, zu fragen, was das Kind, das vor mir steht und motzt, jetzt braucht. Ich kann meine Kinder nicht glücklich machen, ich kann ihnen aber mit auf ihren Weg geben, dass sie glücklicher sein werden, wenn sie sich selbst mögen und auf sich achten. So lernen sie, ihre Bedürfnisse zu äußern und gewöhnen sich nicht daran, dass ich erspüre, was ihnen fehlt. 

    Sprich deine eigenen Bedürfnisse an! 

    Keiner kann in deinen kummervollen Augen lesen, was Du wirklich brauchst. Kinder wollen auf ganz natürliche Weise, dass es ihren Eltern gut geht. Wenn ich als Mutter ständig genervt und gestresst bin, suchen die Kinder die Schuld bei sich und werden selbst unzufrieden, weil sie noch gar nicht in der Lage sind, solch eine Situation aufzulösen. Das wird zu einem Teufelskreis. Ich zeige meiner Familie nun ganz deutlich, dass ich mir selbst wichtig bin und mich für die Erfüllung meiner Bedürfnisse einsetze. 

    Selbstliebe bedeutet auch, dass ich keine Anerkennung von außen mehr brauche

    Ich genüge mir selbst und bin an manchen Tagen mit mir im Reinen und an manchen Tagen nicht. Wenn meine Unzufriedenheit mal wieder länger anhält, gehe ich in mich und frage mich selbst, was ich brauche. Und das nehme ich mir dann, und sei es nur für ein paar Stunden oder erst ein paar Tage später. 

    Und noch etwas liegt mir sehr am Herzen: 

    Ich wünsche mir mehr Solidarität unter Frauen! 

    Wir sind doch alle Schwestern und es nützt niemandem, sich gegenseitig fertig zu machen, mit dem Finger auf desolate Zustände zu zeigen, zu verurteilen und Rufmord zu begehen, anstatt nachzufragen, mitzufühlen und zu helfen. Zusammen können wir wirklich etwas bewegen und ein Umdenken bewirken, so dass auch der Staat und die Wirtschaft ihre veralteten, verknöcherten Strukturen überdenken müssen. 

    Photo by Phil Hearing on Unsplash

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    Die Diplom-Kauffrau mit jahrelanger Agentur- und Redaktions-Erfahrung ist Mama von 3 Söhnen und ein absoluter Sonnenschein. Ohne ihr blaues Fahrrad ist Saskia nie unterwegs und wahrscheinlich hat sie deshalb so gute Laune, weil sie die einzige von uns ist, die sich bei Wind und Wetter an der frischen Luft bewegt. Egal wie stressig und voll die Tage sind, Saskia schafft es nicht nur immer top auszusehen, sondern nebenbei auch noch uns allen Komplimente zu machen. Sie bereichert mit ihrem Spirit das Unternehmen und ist für unsere Redaktion zuständig und wer Aufmunterung braucht, der ist bei ihr genau an der richtigen Adresse.

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