Melde dich für unseren Newsletter an.

Erhalte alle infos, Aktionen und Inhalte als Erste in dein Postfach!

    TOP

    Eine traumatische Geburtsgeschichte
    Carolin erzählt von der Geburt ihres ersten Kindes – ein traumatisches Erlebnis geprägt von Kontrollverlusten

    [Triggerwarnung: qualvolle Geburt, seelische Schmerzen, Kontrollverlust]

    Jede Geburt ist anders. Viele erleben den Tag als Wunder, als schönsten Tag in ihrem Leben, auch wenn Geburt meist mit Schmerzen verbunden ist. Es gibt aber auch Geburtsgeschichten, die einen dramatischeren Verlauf nehmen. Und bei denen die Mütter (und Babys) viel leiden müssen. Carolin hat eine solche Geburt bei ihrem ersten Kind erlebt und uns geschrieben. Denn sie möchte ihre Geschichte teilen. Auf ihr Geburtstrauma folgte eine jahrelange postnatale Depression und auf die postnatale Depression die Heilung. Sie möchte darüber erzählen, um Müttern Mut zu machen, denen es ähnlich ging. Um sie zu sehen, zu hören, zu verstehen. Denn ein sehr schlimmer Aspekt für sie selbst ist das Gefühl gewesen, nicht ernst genommen zu werden.


    Carolin hat einen langen Weg hinter sich, sie hat viel durchgemacht. Um euch in ähnlichen Situationen nicht nur Unterstützung in Form des Teilens der Geschichte zu geben, sondern auch konkrete Hilfe zu bieten, haben wir den Weg der Depression und Heilung von Carolin hier aufgeschrieben. Ein Geburtstrauma ist leider immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Wir möchten das Thema deswegen gerne wieder und wieder zur Sprache bringen, um genau dagegen anzukämpfen und Frauen, denen es ähnlich geht Unterstützung, Ermutigung und Hilfe zu bieten. Denn leider erfahren Betroffene in ihrer Umgebung noch wenig Verständnis oder werden sogar nicht ernst genommen. Uns ist es auch wichtig, konkrete Hilfsstellen zu nennen, zu denen ihr in dem Artikel der Heilung eine Liste findet. Die Geschichte der Geburt folgt nun hier.

    Die Geburt meines Sohnes

    Es war mein erstes Kind, ein absolutes Wunschkind und ich war im Vorfeld geblendet von all den rosa Erzählungen, wie toll es sein würde schwanger zu sein und wie wunderbar es sein würde Mutter zu sein. Ich hatte keine Angst, vor dem was da kommen sollte. Ich wollte gern alles so natürlich wie möglich haben. Meine Schwangerschaft verlief allerdings eher schwierig, vier Monate lang habe ich mich täglich übergeben. Als das endlich ein Ende hatte, kamen Kreislaufprobleme und Schwindel. 

    Eines Morgens, zu Beginn der 38. Schwangerschaftswoche wachte ich auf und spürte bereits ehe ich in den Spiegel sehen konnte, dass da etwas mit meinem Gesicht nicht stimmte. Ich stand auf und sah mein gelähmtes Gesicht. Da war es das erste Mal: das Gefühl von Kontrollverlust.

    Verdacht auf Schlaganfall

    Ich kam mit einem Krankenwagen in die Notaufnahme mit Verdacht auf Schlaganfall. Dort lag ich dann einen Tag lang mitten auf dem Gang ohne Essen, Trinken, ohne Betreuung und mit dieser angsteinflößenden Vermutung. Der Verdacht des Schlaganfalls bestätigte sich nicht, man behielt mich im Krankenhaus. In den nächsten Tagen versuchte man nach der Ursache für diese Lähmung zu suchen, erfolglos. Eine idiopathische, periphere Fazialis Parese war die Diagnose, was so viel heißt wie: „Wir haben auch keine Ahnung wo Ihre Gesichtslähmung herkommt.“ 

    Cortison sollte ich nehmen und weigerte mich, um mein Baby zu schützen. Doch man drängte mich täglich wieder zu einer Cortison Therapie. Ich war überfordert, ohne Beistand, ratlos und voller Angst. Also stimmte ich irgendwann doch zu, das Medikament über 7 Tage zu nehmen. Blutverdünner gegen die Thrombose lehnte ich, dem Himmel sei Dank, ab. 

    Es geht los

    Zwei Wochen später ging es dann los. Den ganzen Tag schon lief ich unruhig mit Rückenschmerzen durchs Krankenhaus und fühlte mich unwohl. Mein Partner, der am Nachmittag zu Besuch war, wurde gegen 18.00 Uhr noch einmal heimgeschickt, auf dem Wehenschreiber war noch nichts zu sehen. Gegen 23.00 Uhr ging es dann los und man setzte mich aufgrund der starken Rückenschmerzen zuerst einmal in eine Wanne. Dort fühlte ich mich plötzlich besser und gewappnet. Ich bereitete mich vor auf die Geburt und dachte mir, ich sei so stark, das würde für mich schon kein Problem werden. Stunden später lag ich mit tauben Beinen, nach einer PDA, die ich ursprünglich gar nicht wollte auf einem Bett, mein Partner neben mir im Stuhl. Das Verlangsamen der Geburt durch die PDA empfand ich als genauso quälend, wie das Gefühl seinen eigenen Unterkörper nicht mehr fühlen zu können. Da war er: der 2. Kontrollverlust.

    Noch immer hatte sich der Muttermund kaum geöffnet, ich hatte furchtbare Schmerzen, die sich auf den Po beschränkten, was mir ungewöhnlich vorkam. Eine burschikose, forsche Hebamme erklärte mir auf mein Klingeln hin, ich sei nicht die Einzige hier und vor allem nicht die erste Frau, die ein Kind bekäme. Das mache nun mal Schmerzen, was hätte ich denn gedacht?! Ich war schockiert. Doch ich klingelte immer wieder, wenn ich es nicht mehr aushalten konnte. Der Muttermund? Öffnetet sich nicht. Warum tut denn da keiner was, dachte ich bei mir, so oft in dieser Nacht. Ich fühlte mich allein gelassen. Gegen 11.00 Uhr morgens am nächsten Tag sagte mir die genervte Hebamme, dass es ihr jetzt reicht mit mir. Jetzt gibt‘s einen Kaiserschnitt. Wieder ohne mich oder meinen Bauch abzutasten. Die Oberärztin kam hinzu, ein bekanntes Gesicht, endlich. Nun nach 11 langen Stunden stellte man endlich fest, dass mein Kind ein Sternengucker war und der Muttermund sich nicht richtig öffnete, weil das Kind die ganze Zeit mit seinem Hinterkopf auf den Steiß drückte. Man klärte mich darüber auf, dass man eine Wendung vornehmen würde. Ich wusste weder, was das bedeutete, noch warum wir das taten. In den folgenden Minuten dachte ich, man würde mich zerreißen. Ich spürte nichts außer diesem reisenden Schmerz und hatte das Gefühl ohnmächtig zu werden. Der 3. Kontrollverlust, Angst, Panik.

    Für einen Kaiserschnitt plötzlich zu spät

    Völlig geschockt von diesem Erlebnis waren anschließend sowohl die Herztöne meines Kindes, als auch meine Wehen weg. Eine Schwester rammte schnell eine Spritze Oxytocin in den Wehentropf und man sagte mir: Für einen Kaiserschnitt sei es nun zu spät, wir müssten das Kind jetzt rauspressen ohne auf die Wehen zu warten. Zwei weitere Ärzte wurden hinzugezogen. Ich rammte jeder Hebamme einen Fuß in ihre Seite, der Chefarzt drückte mit ganzer Kraft seinen Ellenbogen in meinen Bauch. Mein Partner drückte mein Kinn auf meine Brust, die Oberärztin zog am Baby. 

    Das Kind kam anschließend zuerst an den Sauerstoff und wurde gründlich durchgecheckt. Als man mir das Baby gab, war ich erschrocken über dieses große Kind. Mein Sohn wog 4490g bei 55cm und 38cm Kopfumfang. Ein großes, blaues Hämatom prangte an seinem Hinterkopf und lies erahnen, wie auch für ihn diese Geburt eine Qual gewesen sein musste. So schön hatte ich mir diesen Moment Wochen vorher ausgemalt. Aber nun, wo er da war, war da nichts. Ich wusste, dass ich mich jetzt freuen sollte, aber ich war einfach am Ende und nicht einmal Freude stellte sich ein. Ich war gar nicht mehr aufnahmefähig nach alldem, was vorher geschehen war. 

    Als ich genäht und versorgt war, kamen wir am Nachmittag endlich auf Station. Es dauerte nicht lange und ich wollte schreien vor Schmerzen. Ich schwitzte und fühlte mich elend. Ich ahnte noch nicht was dann folgte.. 

    Ich bekam starke Blutungen und die Ärzte wussten nicht, woher diese kamen und was zu tun sei. Durch den hohen Blutverlust wurde ich immer wieder bewusstlos. Plötzlich brach Hektik aus. Die Ärztin telefonierte, rannte los, mein Partner und das Baby wurden vor die Tür geschickt. Minuten später brachte man mich im Bett wieder zurück zum Fahrstuhl. Ich solle mich mal verabschieden von meinem Mann und meinem Kind. Wie jetzt? Für wie lange denn? Eine Stunde? Einen Tag? Für immer? Was passiert mit mir?

    Ich kam in den OP, es war eiskalt, ich zitterte. Meine beiden Arme wurden im rechten Winkel auf dem OP Tisch festgebunden. Ich sah ab und an Licht, manchmal war es Dunkel, ein grünes Laken, stechender Schmerz. Dann war endlich alles schwarz. Als ich zu mir kam, war ich mir nicht sicher, ob ich noch lebe. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich mein Kind schon geboren hatte. Ich lag in einem roten Raum, dämmriges Licht. Ich hörte Stimmen, vielleicht von meinem Partner, ich war nicht sicher. Alles verschwamm wieder, schwarz."

    Carolin erlitt nach der Geburt eine postnatale Depression, von der sie heute – Jahre später – geheilt ist. Hier könnt ihr die Geschichte ihrer Heilung nachlesen und wie es ihr nach der Geburt zu Hause ergangen ist. KLICK

    Photo by Alex Hockett on Unsplash

    Click here to bookmark this

    Unser Redaktionsteam schreibt über alle Themen, die dich als Mama, Schwangere, Partnerin, Ehefrau, Freundin, Alleinerziehende oder einfach nur als Frau interessieren. Wenn dir ein Inhalt fehlt oder du selbst über etwas schreiben willst, deine Geschichte erzählen möchtest oder uns einfach eine andere Perspektive geben will, schreib uns an redaktion@mother-now.de.de

    Are you sure want to unlock this post?
    Unlock left : 0
    Are you sure want to cancel subscription?