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    Magersucht als Mama
    Zweifachmama Laura erzählt offen über ihre Essstörung, den Weg aus der Krankheit, wie sie mit ihrer Mutterrolle haderte und legt allen Mamas ein wenig mehr Selbstfürsorge ans Herz

    „Nein danke, ich habe vorhin schon gegessen.“ „Oh nett, dass du es anbietest, aber ich bin gegen Weizen allergisch.“ „Ich habe schon gekocht und esse später zu Hause.“

    Und schließlich: „Hm ne ich glaube, ich finde hier nichts zu essen, ich ernähre mich gerade vegan.“

     

    Diese Sätze und gefühlt tausende mehr waren bei mir die „number-one-Antworten“, wenn mich Freunde und Familien bei Besuchen, Treffen im Park oder Essen in Cafés und Restaurants ansprachen, warum ich denn nichts essen würde.

     

    Es lag nicht daran, dass ich keinen Hunger hatte. Nein, daran lag es weiß Gott nicht.

    Denn wenn sich ein Mensch den gesamten Tag nur von schwarzem Kaffee, Gurke, fettarmem Speisequark und Lebensmitteln, die auf 100g mindestens einen Eiweißgehalt von 40% und einen Kohlenhydratanteil von weniger als 5 % haben, ernährt, dann hat man Hunger.

     

    Und wie.

    Aber ich konnte nicht.

     

    Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, die Kontrolle loszulassen und irgendjemanden oder irgendetwas die Zügel für mein Handeln in die Hände zu geben.

     

    Was ich zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr wahrnahm, war, dass mir jegliche Art der Kontrolle über meinen eigenen Körper, der mir doch das Wertvollste der Welt sein sollte, war er doch 9 Monate lang die Heimat meines Sohnes gewesen, bereits aus den Händen geglitten war.

     

    Ich möchte dir gerne meine Geschichte erzählen, in der es darum geht, wie wichtig es doch ist, dass auch Mamas, nein, dass vor allem wir mamas, Selbstfürsorge betreiben und darauf achten, dass es uns gut geht. Denn wir sind oftmals der Motor der Familien und ich brauche dir wohl nicht zu erklären, was mit einem Auto passiert, wenn der Motor nicht mehr funktioniert, weil er nicht gepflegt wurde, keine regemäßigen Ölwechsel und Sichtungskontrollen gemacht werden.

     

    Meine Geschichte beginnt im Frühjahr 2017.

    Mein Sohn E. ist zu diesem Zeitpunkt 1 ½ Jahre alt. Als er sich mit 17 Monaten selbst abstillt, überkommt mich immer öfter ein Gefühl, nicht mehr so intensiv gebraucht zu werden.

    Die Wurzeln sind gewachsen und die Flügel werden langsam immer öfter benutzt.

    Dass dieser Prozess des „Abnabelns“ bereits so früh beginnt, darauf hatte ich mich nicht vorbereitet.

     

    Ich selber bin ganz wunderbar behütet und beschützt aufgewachsen und habe rückwirkend immer gedacht, dass meine Eltern mich erst haben „gehen lassen“ müssen, als ich mit 18 Jahren mit meinem Freund zusammenzog. Dass dieser Prozess aber bereits im ersten oder zweiten Lebensjahr stückweise beginnt, nein darauf war ich nicht vorbereitet.

    Klein E. war vormittags in der Kita, der Papa arbeiten, und ich fühlte mich in meiner Rolle als Mutter plötzlich nicht mehr genug. Mir wurde oft eingeredet, dass es heutzutage nicht reicht „nur Mutter“ zu sein. Ich hatte oft das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich nicht nebenbei noch selbstständig war, Vollzeit 40 Stunden arbeitete und womöglich dabei immer noch top gestylt rumlief. Ich fühlte mich nicht genug. 

     

    Obwohl ich mich in meiner Rolle als Mama wohl fühlte, empfand ich eine Leere, von welcher ich weder wusste, woher sie kam, geschweige denn wie ich sie füllen sollte.

     

    Ich war 20 Jahre alt, als ich zum ersten Mal Mama wurde. Ich hatte kein abgeschlossenes Studium keinen vollendeten Beruf erlernt. War das der Grund? Dass ich mich beruflich noch nicht gefestigt hatte?! 

     

    Ich schob es vorerst auf die Tatsache, dass mir plötzlich nur noch wenig Zeit für mich und meinen Körper allein blieb und beschloss, etwas für mich zu tun.

     

    Ich war nie dick. Habe mich immer relativ gesund ernährt und ab und an Sport gemacht, (in meiner Jugend sogar sehr viel und mit viel Leidenschaft Ballett getanzt) jedoch nie wirklich kontinuierlich.

     

    Das änderte sich plötzlich schlagartig.

     

    Ich merkte schnell, dass der Sport vorerst als der perfekte Ausgleich zu meinem Mama Alltag diente und mir ein gutes Gefühl gab, da ich mit effizienter Arbeit an mir selbst schnell Erfolge sehen konnte.

     

    Ich brachte fortan nun also meinen Sohn morgens in die Kita, schlüpfte schon nach dem Aufstehen direkt in die Sportklamotten, damit es keine Ausreden mehr gab.

    Auf dem Rückweg ging‘s direkt ab ins Fitnessstudio, von 0 auf 100, 4 -5 Mal die Woche trainieren, den kompletten Vormittag bis ich meinen Sohn aus der Kita abholte.

     

    Nach ein paar Wochen reichte mir diese Kontrolle über meinen Körper beim Sport nicht mehr aus.

     

    Ich begann penibel darauf zu achten, was ich meinem Körper an Nahrung zuführte.

    Als auch diese Kontrolle übers Essen diese Taubheit in mir nicht mehr ausfüllen konnte, schob ich es darauf, dass es wahrscheinlich daran lag, dass ich mich immer noch nicht wohl in meiner Haut fühlte. Statt anzufangen mich meinem Inneren zu zuwenden, versuchte ich weiter zwanghaft meine „Hülle“ zu optimieren, (was in meinem Fall bedeutete so dünn wie möglich) und mir so Bestätigung einzuholen.

     

    Ich fing also an, jede Möglichkeit zu nutzen, erst nur hier und da und bald schon immer mehr, auf Nahrung zu verzichten, gleichzeitig mein Umfeld aber im Glauben zu lassen, dass meine kontinuierliche Gewichtsabnahme, meinen regelmäßigen Besuchen im Fitnessstudio zu verdanken war.

     

    Nach dem Sport also zu Hause angekommen, versuchte ich nichts zu essen, da ja niemand außer meinem Sohn nachfragen konnte, warum nur er Mittag isst und Mama nicht.

    Abends dann mit E.‘s Papa zusammen möglichst kleine Portionen, mit der Ausrede, mittags schon gegessen zu haben.

    So ging es immer weiter, Tag für Tag, Woche für Woche.

    Emotional und auch körperlich ging es mir immer schlechter. Dazu kam dann auf anderer Ebene die Trennung von E.‘s Papa, welche nichts mit der „Essenssituation“ zu tun hatte, sie allerdings auch nicht verbesserte.

     

    Meine Gedanken kreisten nur noch ums (nicht-) Essen.

     

    Ich hätte für meinen Sohn da sein müssen, hätte an seiner Seite stehen sollen und ihm erklären sollen, warum Mama und Papa jetzt getrennte Wege gehen.

    Warum er jetzt manchmal bei Mama und manchmal bei Papa wohnen würde.

    Doch ich konnte nicht.

    Ich war so in meiner eigenen „kranken Welt“ gefangen, die sich nur darum drehte, den Tag mit einer möglichst kleinen Kalorienzufuhr zu überstehen und bis zur Ohnmacht Sport zu treiben, dass mir keine Kraft mehr blieb, mich um meine Familie oder meine Freunde zu kümmern.

     

    Und ich weiß, dass meine Familie sehr gelitten hat, weil sie mit ansehen mussten, wie ich mir und meinem Körper so etwas antat und mir nicht helfen ließ.

     

    An diesem dunklen Punkt in meinem Leben, spielte ein neuer Mann plötzlich eine immer größere Rolle in mein Leben.

     

    Hätte mir jemand gesagt, dass es manchmal einfach einen sehr, sehr hartnäckigen, gutaussehenden, warmherzigen und unfassbar einfühlsamen Menschen braucht, der in dein Leben tritt, um dich zu „retten“, und dir zu erklären dass nur Du DICH SELBER heilen kannst, wenn du es denn willst, ich hätte es abgestritten.

    (Das soll jetzt nicht naiv klingen, und natürlich war er nicht der alleinige Grund meiner Genesung, aber geschadet hat es auch nichtJ). Hingegen all meiner Vorstellungen kam es aber so.

     

    Im Januar 2018 konnte ich nicht mehr. Ich wollte mich den ganzen Tag in meinem Bett verkriechen, für nichts und Niemanden die Verantwortung übernehmen und wollte einfach nur noch, dass diese Stimmen in meinem Kopf, die um jede aufzunehmende Kalorie diskutierten, endlich verstummen.

     

    Anfang Februar war es dann soweit. Ich hatte es geschafft, mich für mein Leben zu entscheiden, mein gesundes Leben, in dem ich eine gute Mama für meinen Sohn war, in welchem ich nicht weiter meine Freunde und Familie von mir stoßen und mich immer weiter isolieren würde und in welchem ich vielleicht irgendwann sogar von meiner Lebenslage profitieren und sogar anderen Menschen helfen und Mut machen würde.

     

    Ob es einfach war?!

    Nein, das war es bei Weitem nicht. Obwohl ich doch die vermeintlich größte Motivation für den Genesungsprozess täglich vor mir sah.

     

    Ich wollte meinem Sohn ein gutes Vorbild sein. Ihn mit dem Verständnis erziehen, was es bedeutet, seinen Körper zu schätzen und ihm dankbar zu sein.

     

    Trotz diesem Anspruch an mich selbst, gab es immer wieder Rückschläge und Teile in mir, die es für so viel einfacher hielten, alles so zu belassen, wie es gerade war und mich nicht weiter mit dem eigentlichen Ursprung meines Taubheitsgefühls auseinander zu setzten. Welches rückwirkend betrachtet, ein Ausdruck mehrerer Gefühle war.

     

    Da war das Gefühl nicht genug zu sein, da war die Angst vor der Mutterrolle. Wie habe ich als Mama zu sein, darf ich als Mutter auch traurig, kaputt, müde, wütend, ausgelaugt sein und Zeit für mich ganz für mich allein einfordern? Und noch eine lange Liste mehr Gefühle, die hier aber den Rahmen sprengen würden.

     

    Ich verbrachte mehrere Wochen stationär in einer Klinik, die auf psychosomatische – und Ess-Störungen spezialisiert ist.

     

    Rückwirkend bin ich so unendlich dankbar für die Hilfe meiner Eltern und die von klein E.‘s Papa, der alles versuchte, um klein E. meine Zeit der Abwesenheit so schön und unbeschwert wie möglich zu gestalten.

     

    Der neue Mann in meinem Leben (mittlerweile mein Ehemann) war in all diese Zeit mein emotionaler Leuchtturm, der egal wie dunkel das Meer doch war, mir immer einen kleinen Lichtpegel zur Orientierung und Sicherheit sendete.

     

    Von Zeit zu Zeit plagt mich ein schlechtes Gewissen, meinem Kind gegenüber, wenn ich daran denke, wie ich das 2. Lebensjahr meines Sohnes nicht aktiv mitgelebt habe, sondern in meiner Krankheit gefangen war.

     

    Auf der anderen Seite bin ich unendlich stolz, dass ich es geschafft habe, für mich selbst zu sorgen und meine eigenen Wunden zu heilen. Denn wenn man als Mama selbst nicht mehr funktioniert, nicht mehr glücklich ist, nicht im Gleichgewicht mit sich selbst ist, dann so meine Meinung, wird es fast unmöglich sein, für unsere Kinder da zu sein.

     

    Daher kann ich nur immer wieder sagen, MAMAs Ihr seid wunderbar!!

    Ihr alle und es ist absolut okay mal nicht stark zu sein, mal um Hilfe zu bitten, sich mal eine kleine Auszeit zu nehmen und einfach mal nur etwas für sich zu tun.

     

    Denn am Ende bist du es, die vor dem Spiegel steht und dir sagt, I CARE FOR YOU, YOU CARE FOR ME. WE CARE FOR OUR FAMILY.

     

    Nachtrag: Mittlerweile bin ich Mama von zwei unfassbar tollen Jungs, glücklich Ehefrau und auch für mich selbst habe ich mindestens eine positive Sache aus dem Ganzen ziehen können. Ich studiere Soziale Arbeit und möchte gerne in der Familienhilfe arbeiten, um Müttern denen es ähnlich geht, beratend und begleitend zu Seite zu stehen und mit Ihnen gemeinsam mehr Selbstfürsorge zu mobilisieren.

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