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    Dem Brustkrebs den Kampf angesagt
    Gastautorin Annika erzählt die Geschichte ihrer Erkrankung – Schwere Zeiten, in denen auch viel Gutes passiert ist, wie sie selbst sagt

    GEHT ZUR VORSORGE! – Brustkrebs ist allgegenwärtig. Irgendwie hat doch fast jeder irgendeinen Bezug dazu. LEIDER. Neben dem Aufruf die Krebsvorsorge- oder wie Gastautorin Annika sagt ‚Früherkennungs-Untersuchungen‘ ernst zu nehmen und einzuhalten, soll hier heute eine ganz persönliche Geschichte erzählt werden. Annika erkrankte im vergangenen Jahr an Brustkrebs. Im August bekam die Dreifachmama ihre Diagnose. Wie es ihr heute geht, kann auf ihrem Instagramkanal genau verfolgt werden. Was sie seitdem durchgemacht hat, hat sie für uns aufgeschrieben. Wir wünschen ihr weiterhin alles Gute und danken dieser starken Frau für’s Teilen ihrer berührenden Worte und Erfahrungen. 

    Annikas Geschichte

    „Dachte ich im August 2020 schon, das Jahr kann weg, hab ich wohl vergessen, dass das Jahr noch ein paar Monate bereit hält. Und so heißt es nun: Diagnose Brustkrebs. BAM!“

    Hey, ich bin Annika, 43 Jahre alt und Mutter von drei Jungs (9,12,14) und so habe ich im letzten toughen Coronajahr nicht nur privat, sondern auch mit diesem Zitat auf Instagramkanal meine Brustkrebserkrankung öffentlich gemacht.

     

    Ich habe bemerkt: Schreiben befreit. Mich. Reden auch.

    Mein altes Leben und der große Plan

    Vor vier Jahren haben wir ein Sabbatical mit dem Ziel einer großen Reise bei unseren Arbeitgebern beantragt, das wir im August 2021 antreten wollen. Verrückte Jahre liegen hinter uns. Seit Anbeginn freu ich mich riesig, es war und ist mein täglicher Motor. Und dennoch war da immer ein Restzweifel, ob alles gut geht. Corona hat alles schon ins Wanken gebracht und dann kam sie: Die Diagnose Brustkrebs.

    Zum Glück hatte ich während des ganzen Prozesses immer das Ziel, das Sabbatical vor Augen. Ich will es so unbedingt! Bei jeder medizinischen Beratung die Frage: Kann ich am 1.8. los?

    Aber nun von Anfang

    Für viele DIE Frage, behandelt sie doch auch die eigene Angst etwas zu übersehen:

    Wie habe ich den Tumor entdeckt?

    Leider gar nicht. Er war von niemandem tastbar. Wegen meiner familiären Vorbelastung gehe ich 2x im Jahr ins Brustzentrum zur Ultraschalluntersuchung. Meine Oma liegt im Sterben, ich begleite den Prozess eng, es steht die nächste Nachtwache an… Ich bin kurz davor die Früherkennungsuntersuchung abzusagen. Vorsorgeuntersuchung wäre das verkehrte Wort: Wenn der Tumor da ist, ist er da! Aber umso früher entdeckt, umso besser die Behandlungschancen.

    Der Moment des Verdachts

    Ich mache mich gar nicht so verrückt, als meine langjährige sehr sorgfältige Ärztin auf einmal stutzig wird. Das Prozedere hatte ich drei Jahre zuvor schon mal und alles stellte sich als eine harmlose Zyste heraus. Trotzdem überlege ich bei meinem online bestellten Sommerkleid: Behalte ich es? Vielleicht lebe ich nächsten Sommer gar nicht mehr oder ich bin so entstellt, dass ich ein Kleid mit so einem Ausschnitt gar nicht mehr tragen kann.

     

    Meine liebe Freundin und Nachbarin Alina ist Gynäkologin. Sie hat immer wieder angeboten, auch meine Gynäkologin zu werden, aber es ist mir zu nah. Als ich ihr vom ausstehenden Ergebnis der Stanzbiopsie – in der Nacht darauf stirbt meine Oma, während ich ihre Hand halte – erzähle, bietet sie an, die Ergebnisse in der Pathologie abzurufen, „damit ich eher meine Ruhe habe“. Ich weise sie darauf hin, dass sie mir im Zweifel ungute Nachrichten überbringen müsse. Wir halten es beide nicht wirklich für möglich.

    Bis sie plötzlich mittags mit einem Kloß im Hals bei mir vor der Tür steht:„Wir müssen reden!“

    Seitdem ist Alina meine Gynäkologin und sie ist wirklich ein Riesengeschenk.

    Meine Bitte an euch!

    Nehmt bitte diese Früherkennungstermine ernst! Bitter aber wahr: Die Ultraschalluntersuchungen sind keine Kassenleistungen. Ich bin privat versichert und deshalb war es problemlos. Nicht auszudenken, wenn ich diese Untersuchung nicht bekommen oder abgesagt hätte. Denn: Ich hatte ein richtig aggressives Scheißteil. Schnell wachsend. Richtig schnell, richtig aggressiv.

    Und wie ging es nach der Diagnose Brustkrebs weiter?

    Mit Tränen. Vielen Tränen. Zuerst rede ich mit meinem Mann. Weine in seinen starken und beschützenden Armen. Dann viele Telefonate: Mit Freundinnen, die wissen, dass das Ergebnis aussteht. Noch am gleichen Tag teile ich es meiner Chefin und meinen beiden Chefs mit. Verabschiede mich am nächsten morgen von meinen Lehramtsanwärter:innen im Seminar. Schreibe Gutachten für sie. Puzzle noch Daten für ein Projekt zusammen, das ich gerade im Schulamt begonnen habe. Lege meine Promotionsbestrebungen an der Uni auf Eis. Beichte es meiner Mutter, die gerade die Beerdigung für meine Oma organisiert und mir beschwingt Omas Sodastream als mein Erbe vorbeibringt. Erkläre es meinen drei Jungs. Sie verstehen. Sie fragen. Wir reden.

     

    Bei der offiziellen Besprechung der Ergebnisse zwei Tage später im Brustzentrum nehme ich meiner Ärztin erstmal den Wind aus den Segeln: „Ich weiß es schon!“

    Und nicht nur das… ich bin voll informiert über die Besonderheiten meines Tumors, weiß, dass Chemo, OP, Bestrahlung und jahrelange Antihormontherapie auf mich zukommen, habe beruflich alles geregelt, meine Ernährung umgestellt, einen Kurzurlaub nach Norderney gebucht und und und.

    Japp, da ist mal jemand sofort in den Angriffsmodus umgesprungen

    Das Wochenende auf Norderney mit meinen Mann ist verrückt schön. Dabei wollte ich so gerne nach Venedig. Die Tage zuvor hatten wir kaum Gelegenheit miteinander zu reden, zu planen, zu lachen und zu weinen. Dafür ist nun Platz. Ebenso für ganz viel Nähe, Liebe, Wellness, Spaziergänge am Strand, Fahrradfahren, richtig gutes Essen und richtig tolle Hotels. Völlig überteuert, aber jetzt gerade total egal. Ich fahre vollgetankt mit guten Gefühlen nach Hause.

    Der erste Check, ob der Krebs gestreut hat

    Am nächsten Morgen checke ich im Krankenhaus ein: Staging. Es wird geschaut, ob der Tumor schon gestreut hat. Routine. Ich hab trotzdem nochmal richtig Schiss.

    Lasse drei Tage alles über mich ergehen. An Tag drei nebenbei auf dem Flur: „Ich mache gerade ihre Entlassungspapiere fertig, dann können sie nach Hause!“ „Aber ich hab doch noch gar nicht alle Ergebnisse!“ „Ach so. Alles in Ordnung!“ In dem Moment ruft meine Freundin Sarah an. Ich heule Rotz und Wasser vor Erleichterung, sie am anderen Ende mit. 

    Mein jüngster wilder Junge zuhause mitten im Spiel : “Mama, ich hab irgendwie voll Angst um dich!” Mir zieht sich alles zusammen. Ich nehme ihn fest in den Arm und sage ihm, dass ich stark bin und hart kämpfen werde. Ich will nicht lügen und einfach sagen, dass alles gut wird. Denn, das weiß ich einfach nicht. Das Sommerkleid behalte ich trotzdem. 

    Im Krankenhaus bekomme ich mit der Diagnose einen Ordner für meine Unterlagen überreicht. Es wird schnell klar: Den kann man gut gebrauchen. Und so verbringe ich die nächsten Tage mit Abheften, Anträgen Stellen, online Informieren, einem Besuch in der integrativen Onkologie und so weiter.

    Aber was auf einmal auch ganz viel Raum einnimmt: Mit dem offenen Umgang kommen so viele tolle Menschen auf mich zu, die mir unheimlich viel Kraft geben mit ihren Worten und Aufmerksamkeiten. Es melden sich dazu Menschen, mit denen ich nicht rechne oder von denen ich lange nichts gehört habe. Fahre mit zwei Lieblingsfreundinnen nochmal einen Tag ans Meer. Es passiert so viel Schönes im Hässlichen.

    Verrückt zu sagen: Mir geht es richtig gut!

    Dann geht es los

    Ich checke erneut im Krankenhaus ein, damit mir ein Port für die Chemo gelegt werden kann. Tut nicht weh, sagt man mir. Tut es wohl.

    Und nach einer kurzen Einheilung kommt auch schon die erste Chemo. Ich reise unaufgeregt aber mit großem Gepäck an: Glücksbringern, Handcreme, Bonbons, Kaschmirdecke, Tasse, Thermoskanne, Bücher… alles Geschenke von den liebsten Menschen um mich herum.

    Ich bekomme eine Kühlkappe mit drei Grad auf den Kopf, mit der Chance meine Haare zu erhalten.

    Die nächsten Tage sind ok. Mal bin ich ein bisschen schlapp, mal ist mir leicht übel. Die psychische Verfassung hingegen ist gut. Ich bin voller Zuversicht und maximal entschleunigt. Mein Mann verwöhnt mich ab jetzt jeden Morgen mit Tee und auf Wunsch Frühstück am Bett. Bis heute. 

    Perspektiven schaffen

    Wir buchen einen Urlaub nach Bad Gastein mit Alina und Familie. Fühlt sich gut an mit tollen Menschen und ärztlicher Begleitung zu reisen. Unsere aufwändig geplante Island-Reise müssen wir stornieren. Corona – zum Glück nicht Krebs – ist schuld.

    Da ich die erste Chemo so gut vertrage, handle ich den Zyklus von drei Wochen auf zwei Wochen runter. Dann bin ich zum Urlaub wieder fit.

    Dann der Schock

    Dann der Schock knapp zwei Wochen nach der ersten Chemo: Die Haare fallen aus. Autsch. Das tut weh. So richtig. Nochmal fließen zwei Tage Tränen. Die Hoffnung auf die Wirkung der Kühlkappe war so groß. Nach einer Woche Haarausfall und der Gewissheit „Das wird nix!“ rasieren mir meine Freundin Daniela und mein mittlerer Sohn die restlichen Haare ab. Mein Mann: „Cool, bei dir ist nicht was weg, sondern etwas hinzugekommen!“ Was für ein Statement.

    Inmitten dieses Schlamassels ein Foto mit einem abgeschnittenen Zopf per WhatsApp von meiner Grundschulfreundin Wiebke: „Gesagt ist gesagt!“ Sie hat zu Beginn meiner Erkrankung beifällig erwähnt, dass sie sich auch die Haare abschneidet, wenn sie bei mir fallen. Sie spendet ihre Haare! Landet damit in der Zeitung, findet sogar Nachahmerinnen. Uff!

    Die mir so wichtige Perücke trage ich in der ganzen Zeit vielleicht 10x. Ich komme mir damit total verkleidet vor. 

     

    Ich heule nicht mehr. Die ganzen nächsten Monate nicht.

    Chemo zwei haut mich schon etwas mehr aus den Latschen. Am meisten setzt mir die Übelkeit zu. Mein ganzes liebevolles Gepäck nehme ich danach nicht mehr mit: der Anblick triggert mich extrem.

    Meine Rettungen

    Alina ist meine Rettung: Auf meinem Sofa bei Tee für uns Zwei bekomme ich am Wochenende eine Infusion gegen die Übelkeit, die am Garderobenständer hängt. Bonuseffekt: Schlaf! Denn das zur Chemo zugefügte Cortison macht einen zum Duracellhasen.

    Danach spritzt sie mir nach Bedarf etwas gegen die Übelkeit in den Muskel. Ich kann sie Tag und Nacht ansprechen. Was für ein Geschenk. Immer wieder.

     

    Zusätzlich kommt in den nächsten Monaten der sehr gute Freund meines Mannes Andreas regelmäßig zur Akupunktur zwischen seinen Diensten zu mir nach Hause. Er ist Anästhesist und hat eine entsprechende Zusatzausbildung. Er macht jedesmal die Voodoo Puppe aus mir, die ich an diesem Tag sein möchte bzw. brauche. Hah!

     

    Der Urlaub in Bad Gastein: Ein Traum. Evelyn vom Haus Hirt behandelt jeden Gast als wäre man etwas ganz Besonderes. Also bin ich es auch.

    Starte den Tag mit Yoga, mit leckerem Frühstück, danach auf den Berg mit unserer Truppe. Es ist Mitte Oktober und wir befinden uns im dicksten Schneetreiben. Ich wandere wie alle anderen Kerngesunden auch. Und erlebe eine tiefe Dankbarkeit. Abends in gemütlicher Runde am Kamin in unserem Alpenloft. Nach einer Massage und einem guten Abendessen.

     

    Wirkt die Chemo?

    Zurück steht das erste Re-Staging an: Schlägt die Chemo an? Ja, und wie! Der Tumor ist bereits nach Chemo 2/16 um 90% geschrumpft. Dafür heißt es aber auch: BRCA1 positiv. Das erste Mal in meinem Leben habe ich mit Angelina Jolie etwas gemeinsam: Eine Genmutation, die ein hohes Risiko aufweist, an Brust- und Eierstockkrebs zu erkranken. Auch mehrfach.

    Die Operationsmöglichkeiten

    Ich kümmere mich viel zu gut um die Operationsmöglichkeiten, so dass ich erst mal völlig überfordert damit bin, was ich tun soll. Ich, die immer alles im Griff haben muss. Corona sorgt dafür, dass ich jeden Termin alleine wahrnehmen und verarbeiten muss. Jedenfalls soll und will ich meine Brüste nicht mehr haben, die Dinger haben versucht mich umzubringen. Und – mit der risikominimierenden Entfernung der Brüste erspare ich mir die Bestrahlung.

    Die dritte Chemo haut mich am meisten um

    Ich bin in dem Moment der Meinung, ich ertrage nicht eine weitere Minute diese Übelkeit. Habe echt Respekt vor Nummer 4 – der letzten dieser Art. Verpacke sie dann doch besser als Nr. 3. Puh. Zwischendrin mache ich hier wohl den Eindruck, alles locker weg zu stecken, dass ich meine Männer mit einem Brief doch mal wieder kurz daran erinnern muss, dass ich kein Funktionswerkzeug in diesem Haus bin und Zusammenhalt uns gerade gut tun würde. Hab einen kleinen Hänger.

    Zu Halloween verkleide ich mich als Kojak – mit Lolli im Mund. Gruselig. 

    Nun kommt der zweite Block mit insgesamt 12 Chemos

    Jede Woche eine. Ich bin so von der Übelkeit getriggert, dass ich kaum noch weiß, wie ich die Onkologie-Praxis betreten soll, obwohl da alle immer ganz toll zu mir sind. Ich rufe die Psychoonkologin des Krankenhauses an. Komme keinen Schritt weiter. Ich muss da einfach durch. Zum Glück – wie versprochen – ist diese Chemo deutlich besser verträglich. Ich habe einen Flaum auf dem Kopf und schöpfe Hoffnung: Ich mache stoisch weiter mit der Kopfhautkühlung. Ich rate niemanden, gegen mich in einer Icebucketchallenge anzutreten. Ich bin gut!

    Die Übelkeit lässt sich gut in Schach halten, mit der Zeit bekomme ich jedoch eine fiese Geschmacksveränderung im Mund, die sich hartnäckig bis zum Schluss hält. Damit zieht sich das Ende der Chemo. Weihnachten schmeckt mir: Gar nichts! Auch nicht das Homeschooling der Jungs, das kurz zuvor wieder eingetreten ist. Es ist so chaotisch, es fordert so viel ein – und diese Ressource habe ich gerade nicht.

    Auf einmal läuft’s. Tschakka.

    Zum Glück stellt sich die Schule der beiden Großen nach Weihnachten um – Videounterricht nach Stundenplan. Auf einmal läuft’s. Tschakka.

    Wir schaffen uns zuhause immer wieder Inseln mit Kinoabenden, Tanzen, in Unterhose in den Schnee springen, Gesellschaftsspielen und leckerem Essen für die anderen – mir schmeckt immer noch nichts. Nicht mal Wasser.

    Die Blutwerte schmieren ab, ich werde infektanfällig, wir Fünf müssen sehr aufpassen. Man darf wegen des Lockdown eh fast nichts – aber nun müssen wir uns noch mehr einschränken. Nicht einfach für die Jungs. Mir kommt der Lockdown gelegen. 

    Das Ende der Chemos wird gefeiert

    Normalerweise bin ich nach jeder Chemo total müde: Antiallergika sei dank. Am 3. Februar – dem Tag meiner letzten Chemo und fünf Monate nach der ersten – werde ich von meinen Männern zuhause mit Musik und Wunderkerzen empfangen. Homeoffice und Homeschooling machen es möglich. Ich bin total auf Adrenalin und einfach so so erleichtert. Mein Mann hat Filme von Freund:innen für mich zusammen geschnitten. So schön.

    Abends machen wir eine Party unter uns im Wohnzimmer. Mit Discolicht und Musiklautstärke bis zum Anschlag. Ich bekomme über Instagram viele Mitfeiervideos. So wird’s ne Riesenparty.

    Tiefe Dankbarkeit spüren

    Eine Woche später schnappen wir uns unseren Jüngsten und fahren spontan – hups – zum Skifahren in die Schweiz. Zu meinem geliebten Matterhorn. Unfassbar, wie viele Glückshormone Skifahren ausschüttet!

    Ich fahre Ski als wäre nichts gewesen. Wir sind quasi allein dort, bekommen über das Wochenende charmante und vertraute Begleitung. Und wieder diese tiefe tiefe Dankbarkeit.

    Auch für das Joggen und Yoga, das ich nahezu täglich während der Chemo machen konnte. Alles andere als selbstverständlich.

    Die Großen können leider wegen des getakteten Homeschoolings nicht mit nach Zermatt. Ich vermisse sie auf der Piste – sind sie doch genauso begeisterte Skifahrer wie ich. Hoffnung besteht für sie noch auf die selbst ersparte und gebuchte Skifreizeit zu Ostern. Na – wir wissen alle, wie es um das Skifahren dieses Jahr bestellt war. Zum Trost ist mein Mann dann Ostern nochmal mit ihnen gefahren – das Matterhorn macht’s möglich.

    Inzwischen habe ich einige Kontakte zu anderen Erkrankten. Der oft zynische und humorvolle Austausch mit ihnen tut mir gut. 

    Die Entscheidung für die OP

    Inzwischen ist auch die Entscheidung für die OP gefallen: Eine Senologin und ein plastischer Chirurg sollen mich interdisziplinär operieren. Bei beiden Brüsten wird der Drüsenkörper entfernt, Implantate in der gleichen OP unter den Muskel gesetzt. Die anatomischen Gegebenheiten sind nicht die günstigsten, diese Methode ist am vielversprechendsten.

    Gestärkt checke ich im Krankenhaus ein, wieder mit großem Gepäck, das mir meine Liebsten beschert haben. Ich wirke etwas drollig mit meinem aufgebauten Schrein. Ich habe keine Angst vor der OP. Die Woche am Matterhorn hat mir so viel Kraft gegeben.

    Meinen Männern hinterlasse ich zuhause ein paar Aufgaben: Ich erstelle QR-Codes zu Liedertextvideos, die laut mitgegrölt werden sollen, hinterlasse Süßigkeiten, die bis zur Übelkeit gegessen werden sollen, verordne einen Spieleabend, schicke ihnen dazu ein Exit-Spiel, auf unserer Weltkarte werden Wünsche für das Sabbatical markiert usw. Blumen Gießen und Aufräumen bis zu meiner Rückkehr gehören auch dazu. Ich wünsche mir zu allem einen Foto- oder Videobeweis. Bekomme ich auch.

    Die OP dauert zwar lange, verläuft aber ohne Komplikationen. Die Histologie ist ohne Befund. Ich bin KREBSFREI!

    Next Step: Ran an die Eierstöcke

    Vier Tage später – am Weltfrauentag –  werden mir prophylaktisch die Eierstöcke entfernt. Bin schon nach OP 1 schnell wieder fit. Laufe die sieben Stockwerke mehrmals täglich rauf und runter. Umrunde das Krankenhaus, erhöhe meinen Radius. Komme auf einmal mit einer neuen Handtasche zurück. 

    Und dann nimmt das Ganze auf einmal einen unguten Verlauf: An den Brüsten entwickeln sich Wundheilungsstörungen. Der Drüsenkörper war sehr nah am Hautmantel, so dass Gefäße beim Entfernen verletzt werden mussten. Leider heilen diese nicht und die Haut beginnt langsam abzusterben. Es sieht sehr gruselig aus. Ich darf nicht nach Hause. Corona macht Besuche unmöglich. Nach elf Tagen erhält mein Mann eine Sonderbesuchserlaubnis.

    Er holt Waffeln und bringt die Jungs mit. Die sollen und wollen unten im Auto per Video zugeschaltet werden und dürfen danach einen Film schauen. Zunächst muss mein Mann einen Schnelltest machen. Mit Warten und Auswertung dauert es 50 Minuten. Bei mir angekommen nehmen wir uns fest in den Arm. Leider ist meine Waffel kalt und mit der meines Sohnes vertauscht, von unten hört man mittlerweile die Alarmanlange des Autos, da das Auto sich verriegelt hat, sich die Jungs aber darin bewegen. Mein Mann hat den Schlüssel. Er geht runter, händigt vor der Tür kurz den Schlüssel aus und tauscht die Waffel. 

    Und muss: Richtig, einen neuen Schnelltest machen. Ohne Sinn und Verstand. Es ist nichts los im Krankenhaus, die gleichen Menschen wie beim ersten Einlass verdonnern ihn dazu. Vorschrift. Beim Gehen begleite ich ihn zum Auto, will einmal aus der Ferne meine Jungs mit Maske sehen. Wir waren noch nie so lange getrennt. Sie sind so überfordert damit, dass sie sich vor meinen Augen aus dem Auto auf den Bürgersteig schubsen und sich total zoffen. Mein Mann besucht mich nicht nochmal.

     

    Meine Freundin Patricia fragt mich, was man sich unter der Wundheilungsstörung vorstellen kann. Ich möchte keine Fotos schicken und google in der Bildersuche für sie „Spannungsblasen Brust“. Das Ergebnis: Hat so gar nichts mit dem zu tun was bei mir so gerade los ist. Wir müssen sehr sehr doll lachen. Und mit uns nicht Wenige meiner Instagram-Community, die sich auch getraut haben danach zu googeln.

    Ich kann im Krankenhaus das erste Mal seitdem ich berufstätig und Mama bin eine großartige Sache: In Ruhe genesen!

    Zuhause läuft alles. Auch ohne mich. Oder gerade deswegen.

    Ein paar Tage später steht dann ziemlich sicher fest, dass ich nochmal operiert werden muss. Zur Kontrolle und Besprechung werde ich mit dem Taxi in ein anderes Krankenhaus zum plastischen Chirurgen gefahren.

    Der großartige plastische Chirurg entlässt mich nach Hause. Es kann erst mal ambulant weiter beobachtet werden. Die Zeit im Krankenhaus war intensiv. Auch durch und mit meinen tollen Zimmergenossinnen. Zuerst eine herzliche Ruhrpottschnauze, die 40 Jahre eine Kneipe betrieben hat, danach eine 37-jährige Chemikerin, mit der ich sehr schnell vertrauliche Gespräche hatte. Wir haben uns in eigentlich dunklen Momenten gegenseitig gut getan.

    Und so schön es ist, wieder zuhause zu sein, fällt dann doch auf, wie gut man sich im Krankenhaus schonen konnte und was zuhause auf einmal alles nicht mehr oder noch nicht geht. Nicht mein Ding.

    Zuhause funktioniere ich weiter

    Ich funktioniere irgendwie weiter. Kümmere mich um dies und das und gehe regelmäßig zur Kontrolle. Eine Impfung, eine Ostereiersuche, meinen Geburtstag, zweimal wieder joggen und fünfeinhalb Wochen später werde ich erneut operiert. Viel aufwändiger als anfangs angenommen und aufwändiger als die eigentliche Mastektomie. Latissmus-dorsi-Lappenplastik. Aua. Nach Appendektomie, 3x Sectio, Mastektomie und Ovarektomie eine ganz neue Schmerzerfahrung.

    Aber wieder: Ich fühle mich im Krankenhaus wunderbar aufgefangen. Gönne mir nach den zwar positiven, aber intensiven Erfahrungen des letzten Aufenthalts ein Einzelzimmer. Sitze in der Sonne, genieße mein Frühstück, drehe meine Runden im Klinikgarten, schaue abends in Ruhe einen Film. Diesmal – puh – verläuft es ohne Komplikationen und ich kann fast wie von mir angedacht nach Hause, auch nicht ohne hier ein Dankeschön für das tolle Team zu überreichen. Und die Brüste – sehen bis auf die Narben besser aus als nach 3x stillen. Für die Jungs hatte ich wieder „Challenges“ hinterlassen – anders als beim letzten Mal gab es jeden Tag einen Umschlag mit einem Hinweis wo sie im Haus suchen müssen. Gemeinsam Eisbecher over the top garnieren, ein Buch aus der Lieblingscomicreihe...

    Ich will einfach, dass sie mit meiner Brustkrebs Erkrankung auch gute Dinge verbinden. Denn von denen sind uns allen eine Menge passiert

    Allem voran die Zuwendung von unseren liebsten Menschen, die Zeit, die ich hier für alle hatte und die mir viel Gelassenheit ermöglicht hat, das relativ gute Verpacken der Chemo, die Reisen, die wir dennoch gemacht haben, mein Sport, die Sorglosigkeit meinem Beruf gegenüber, das Homeoffice und Homeschooling der Männer, das mich vor Infektionen geschützt hat und uns hat zusammen wachsen lassen, unsere Wohnzimmerparties, meine „schönen“ Krankenhausaufenthalte, die kompetente Begleitung meiner Ärzt:innen und natürlich die Vollremission des Tumors

     

    Nun ist Mai 2021 und ich muss mich wieder fangen. Ich habe große Wunden vor allem noch äußerlich, aber ich merke sie auch innerlich. Ich habe monatelang funktioniert. Bin den Weg gegangen, den man mir vorgegeben hat. Hab hier und da einen Abzweig mitbestimmt.

    Aber bin immer gegangen. Ohne Pause. „Du machst das so toll.“ „Du bist so stark!“ „Bewundernswert, wie du das schaffst!“ „Wenn ich auch mal so krank werde, will ich das so machen wie du!“ Klar, freue ich mich über solche Sätze, sie beschämen mich aber auch. Ich habe das nicht aktiv gesteuert. Es war einfach so. Funktionsmodus an.

    Jetzt, wo ich Zeit zum Verarbeiten habe, trete ich auf einmal auf der Stelle. Will nicht wieder dahin, wo ich vor dem ganzen Mist war.

    Verlaufe mich hoffentlich nicht. Erlebe hoffentlich keinen Rückschlag, werde die Antihormontherapie hoffentlich gut vertragen. Die Hormone scheinen mir derzeit einen Streich zu spielen. Ich habe ein großes Nähebedürfnis.

    Es ist total seltsam, nicht mehr mehrmals wöchentlich ärztlich betreut zu werden. Es hat mir Halt und Struktur gegeben. Auch die Menschen dahinter. Sie haben mir gut getan.

    Jetzt will ich wieder ans eigenständige Gehen oder noch besser ans Laufen kommen, den Weg selbst bestimmen, mich auf meine Gesundheit, auf meine Männer konzentrieren. Schauen, wo ich etwas von meinem Glück abgeben und Gutes tun kann. Wieder mit meinen Freundinnen unbeschwert lachen, essen, trinken, tanzen. Meine beruflichen Ziele und Projekte verfolgen. Mein Haarwachstum beobachten. Unser Sabbatical planen. Das hoffentlich so stattfindet. Meine, unsere persönliche Reha. Wenn alles klappt, kann es passender nicht kommen. Ich träume derzeit von den Malediven, Sri Lanka, den Seychellen, Südafrika, Segeln auf einem Katamaran.. Wäre toll, wenn ein Teil davon klappt. Wir hatten eigentlich andere Ziele auf unserer Liste, aber Corona…na ja…ihr wisst schon. Ich bin froh über alles was möglich ist. 

    Und auf einmal ist da auch wieder Luft für Tränen. Für Tränen der Traurigkeit, der Angst, der Orientierungslosigkeit, der Wehmut, der Stärke, der Erleichterung, der Dankbarkeit… und der Freude.

    Und das alles mache ich: in meinem Kleid!

     

     

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    Die Diplom-Kauffrau mit jahrelanger Agentur- und Redaktions-Erfahrung ist Mama von 3 Söhnen und ein absoluter Sonnenschein. Ohne ihr blaues Fahrrad ist Saskia nie unterwegs und wahrscheinlich hat sie deshalb so gute Laune, weil sie die einzige von uns ist, die sich bei Wind und Wetter an der frischen Luft bewegt. Egal wie stressig und voll die Tage sind, Saskia schafft es nicht nur immer top auszusehen, sondern nebenbei auch noch uns allen Komplimente zu machen. Sie bereichert mit ihrem Spirit das Unternehmen und ist für unsere Redaktion zuständig und wer Aufmunterung braucht, der ist bei ihr genau an der richtigen Adresse.

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