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    Body Diversity

    Ciao Size Zero – hallo Size normal
    Über fehlenden Realismus bei der Darstellung des weiblichen Körpers in den Medien und der Mode und die fatalen Folgen

    Ein Spaziergang durch den Berliner Tiergarten. Nur wenige Menschen sind unterwegs, das Wetter ist mäßig bis schlecht. Einige Jogger kreuzen den Weg, Menschen mit Hunden, Familien und auf der Parkbank hält ein Obdachloser ein Nickerchen. Verschiedene Menschen, verschiedene Gesichter, verschiedene Körper. Mal größer, mal kleiner, mal dünn, mal dick und alles was dazwischen liegt. Ein Abbild der Gesellschaft, in der wir leben. Nullachtfünfzehn ist hier nicht. 

    Wieder zuhause auf dem Sofa. Fernseher einschalten, umschalten, durchschalten. Viele Sender, viel Angebot, viele Formate. Verschiedene Menschen, verschiedene Gesichter, gleiche Körper. Große, super schlanke Frauen, große super trainierte Männer. Kein Abbild der Gesellschaft, in der wir leben. Nullachtfünfzehn.

    Normal hat in der Medienwelt keine Repräsentanz

    Natürlich sehen diese Körper toll aus. Natürlich sind diese Frauen schlank und schön. Doch normal ist das nicht. Das sind Ausnahmeerscheinungen. “Da verschiebt sich die Realität komplett. Nur eine von 40.000 Frauen hat diese perfekten Maße, aber junge Mädchen denken, es ist normal”, sagt Maya Götz, Medienpädagogin und Medienwissenschaftlerin. Wären diese Maße normal, wären 99,998 Prozent der Frauen defizitär.

    Model Maße Realität

    Und genauso empfinden es viele Mädchen und Frauen. Die Ausnahmekörper sind normal und ihr eigener weist hohe Mängel auf. Nicht, weil die Gesellschaft so ist, sondern weil die Medienwelt und die Modebranche es uns so suggeriert – und nebenbei großartig an dieser Darstellung verdient. Denn für all die aufgezeigten Defizite, den zu dicken Po, Bauch, Oberschenkel, die zu faltige Haut, die Cellulite, die Flecken und so weiter, bietet die Werbung die Lösung. Es spricht nichts gegen all diese Produkte. Keine Frage. Wenn sie jedoch das Bild festsetzen, dass diese tollen Ausnahmekörper der Standard sind, läuft etwas schief. Denn diese Wahrnehmung ist nicht von Geburt an so.

    “Eigentlich haben  die meisten Mädchen heute einen guten Selbstwert. Dieser sinkt jedoch ab dem neunten Lebensjahr. In diesem Alter findet sich jede Dritte zu dick, mit 10 Jahren sind es schon zwei von drei Mädchen, die das so empfinden”, weiß Maya Götz. Ihre Theorie: Was früher das Patriachat gemacht hat, übernimmt heute die Modeindustrie. Denn das dauerhafte Gefühl defizitär zu sein, kratze zum einen am Selbstwert der Frauen und beschäftigt diese auf der anderen Seite mit der Behebung der Defizite, dass diese nicht nach der Macht greifen würden.

    Die Medien zeigen Frauen die Defizite auf und bieten zeitgleich in der Werbung die Lösung an

    Auch Caterina Pogorzelski kennt die Problematik und weiß, dass die Auswahl von zumeist Ausnahmekörpern kein Zufall ist. Sie arbeitet als Moderatorin, Stylistin und Model und hat bereits viele Absagen von Produktionsfirmen erhalten. „Da wurde mir ganz klar gesagt: Die Gesellschaft ist nicht bereit für eine dicke Moderatorin oder Stylistin vor der Kamera„, erzählt sie. Dabei spiegelt gerade das die Realität wieder, bedenkt man, dass 60 Prozent der deutschen Frauen Kleidergröße 42/44 tragen. Übrigens ein nicht unerheblicher Marktanteil: „Da steckt ja eine immense Kaufkraft hinter.“

    Dennoch dominiert auch hier der Markt, in dessen Fokus Frauen mit einer Kleidergröße 36 stehen. Dabei, so erzählt Pogorzelski, würden dort die Größen hochgerechnet und nicht, wie im Falle der Übergröße, auf die Körperformen geschnitten. Aber das erschwert natürlich einiges. „Eine Kundin soll sich vorstellen, wie die 38 an ihrer 56 aussieht“, benennt Pogorzelski das Problem. Nicht nur, weil dies selbst bei großer Vorstellungskraft schwierig wird, sondern auch, weil die ständige Konfrontation nahezu frustrieren muss, Was die Moderatorin am meisten dabei trifft: Aufgrund der medialen Darstellung denken die Frauen, dass sie nicht normal sind, dabei sind sie es.“ Doch das war mal ganz anders. Denn auch Körperbilder unterliegen der Mode und nicht immer hatten die Medien so einen großen Einfluss. „Als Frauen diese Bilderflut mit Heidi Klums dünnem Körper vier Wochen nach der Geburt noch nicht gesehen haben, war es nicht so. Da war die Akzeptanz des eigenen Körpers noch viel höher“, sagt Pogorzelski.

    Wir sind blind vor der Realität und geblendet von den Medien

    Heute können wir uns gar nicht vorstellen, dass dicke Frauen erfolgreich sind. Und das obwohl wir sie im Alltag sehen. Offenbar glauben wir lieber den Medien, die uns erfolgreiche Frauen zeigen, die gut aussehen, schlank und sehr sexy sind. Dabei verwechseln wir eine Optik, die wir selbst gerne hätten, mit der Norm. Das befürchtet auch Maya Götz.

    Model Maße Realität

    Die Medienwissenschaftlerin erzählt von einer Vergleichsstudie mit Mädchen und Jungen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren. Sie zeigt, wie Unterschiedlich die Körperwahrnehmung unter den Geschlechtern ist. Die Kinder sollten drei Bilder von ihrem Körper malen. Bild eins sollte ihren Körper vor zwei Jahren zeigen, Bild zwei den Körper, wie sie ihn jetzt empfinden und Bild drei den Körper, den sie in drei Jahren haben werden. “Die Jungs tauschten die Farbe ihrer T-Shirts und die Mädchen den gesamten Körper. Sie zeichneten sich als sehr schlank, sexy, geschminkt und mit Strähnchen im Haar”, sagt Maya Götz.

    Aber warum? Sie sehen doch ständig normale Körper, kennen den Körper ihrer Mutter, ihrer Großmutter, ihrer Lehrerin, der Frau an der Supermarktkasse. Sie müssen doch sehen, dass die Blondine aus der Werbung nicht der Norm entspricht. Nein, weiß die Götz. Und daran haben wir Eltern selbst einen hohen Anteil. “Da spielt das starke Selbstbewusstsein, dass wir unseren Kindern heutzutage mit auf den Weg geben, einen Streich. Sie glauben, dass sie so besonders sind, dass sie sich auch eher an den Medienbildern orientieren, die, allein schon durch ihre Präsenz in den Medien, für die Mädchen Vorbilder und keine Traumillusionen sind”, erklärt Götz.

    Mut zur Normalität

    Pogorzelski denkt zudem, dass sich mehrgewichtige Frauen nicht trauen sich modisch in Szene zu setzen und deswegen in der Menge eher untertauchen. „Man sieht nicht so oft mehrgewichtige Frauen in modischen, betonten Kleidern und das ist schade. Das müssten mehr Frauen machen, dann wäre es auch akzeptierter.

    Model Maße Realität

    Die Modeindustrie und Medienwelt könnten dabei entscheidend helfen, indem sie zum Beispiel auf Models oder Moderatorinnen setzen, die der Realität entsprechend. Das heißt nicht, dass jetzigen Frauen von der Bildfläche verschwinden müssen. Ganz und gar nicht. Aber man könnte das Gesamtbild durchmischen und so divers gestalten, wie unsere Gesellschaft ist. Denn eine 38 ist nicht übergewichtig und eine 34 kein Standard. Samplesize hin oder her. Und das muss sich ändern. Denn wenn curvy das neue Plus-Size  sein soll, dann geht die Entwicklung in die falsche Richtung. Kurvig sind viele Frauen, auch ganz schlanke. Unter Curvy als Körper-Kategorie kann man Frauen wie Beyonce zählen. Und zwischen kurvig und plus-size liegen mehr Welten als zwischen dem Normal der Modewelt und Curvy. Das gesellschaftliche Normal hat einfach keine Kleidergröße. Entweder du trägst eine 36, oder du bist dick.

    Wir haben es selbst in der Hand

    Das ändert sich nur, wenn sich die mediale Realität der Normalität im Alltag anpasst. Erste Medien, wie zum Beispiel der Streamingdienst Netflix, haben damit begonnen die Charaktere in ihren Produktionen der gesellschaftlichen Diversität anzupassen. Diese Entscheidung und Umsetzung hat Symbolcharakter. Hoffentlich folgen ihr bald auch andere Produktionsfirmen und die Modewelt, wo es noch Ausnahmeerscheinungen sind. Doch auch wir als Frauen, als Mütter und Freundinnen können unseren Teil zu diesem Systemwechsel beitragen. “In dem Augenblick, wenn wir merken, wo die Fallen sind, können wir aktiv dagegen arbeiten”, sagt Maya Götz. Denn wir können darüber entscheiden, wovon wir uns beeinflussen lassen.

    Außerdem ist die eigene Einstellung entscheidend, weiß Caterina Pogorzelski: „Mein Körper ist vor allem da, um mir selbst zu gefallen. Dann kommen andere. Er ist ja keine Projektionsfläche für andere.“ Sie empfiehlt aktiver in die Kommunikation mit sich selbst, die Selbstliebe, zu kommen. Beim morgendlichen Blick in den Spiegel die liebevolle Frage „Wie geht es mir?“ zu stellen, kann ebenso ein Ansatz sein, wie das aktive eincremen, währenddessen ich mir bewusst mache, wie ich meinen Körper wirklich empfinde und was ich daran mag. Und: Man müsse sich auch davon lösen immer zu glauben, dass andere nur schlecht über den eigenen Körper reden. „Du weißt doch gar nicht, was andere denken. Das ist alles Interpretation. Da gehe ich erstmal nicht vom Negativen aus“, sagt Pogorzelski.

    Eine bewundernswerte Einstellung zum eigenen Körper, der Wahrnehmung und dem Umgang mit dem leider nur sehr langsam kommenden Wandel in der Medien- und Modewelt.

    Das komplette Gespräch mit Caterina Pogorzelski könnt ihr euch hier ansehen:

     

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