Melde dich für unseren Newsletter an.

Erhalte alle infos, Aktionen und Inhalte als Erste in dein Postfach!

    TOP
    jungs anegla

    Ein Plädoyer für die freie Entfaltung – warum wir Charakter nicht erziehen können
    Zwischen Erziehung und Entfaltung – Was wir als Eltern im Umgang mit unseren Kindern nie vergessen dürfen!

    Brauchen Jungen eine andere Förderung oder Erziehung als Mädchen? Müssen wir uns im Umgang mit Jungen an andere Regeln halten? Wie lebt es sich eigentlich als Mama von Jungen? Die Autorin, Lehrerin und 3-fach Jungs-Mama Heidemarie Brosche hat ihre Männer schon lange aus dem Haus und blickt für uns auf einen inspirierenden Erfahrungsschatz an Erlebnissen aus ihrem Alltag zwischen Schule und Familie zurück. Heute zum Thema individueller Charakter.

    Mein Leben als Jungs-Mama

    Eigentlich hatte ich als jung verheiratete Frau immer ein bestimmtes Bild von mir vor Augen: Ich mit einem kleinen Mädchen an der Hand. Dann bekam ich mit 31 den ersten Jungen und mit 33 den zweiten. Als sich nach einer langen Pause Sohn Nr. 3 dazu gesellte, erreichten mich zwar Glückwünsche, aber auch Mitleid, Spott und düstere Prophezeiungen à la „Wart’s nur ab!“ Ich wartete nicht ab, sondern nahm die Herausforderungen an, die mir das Leben mit drei Jungen so bescherte – so gut ich eben konnte. Irgendwann waren sie alle drei erwachsen. Und ich hatte das Gefühl, dass die ganze Angelegenheit manchmal sehr anstrengend, oft aber auch sehr schön gewesen war, was bis heute gilt. Ich erinnerte mich zurück an meine eigenen Unsicherheiten und an die von anderen Jungs-Müttern und beschloss, ein Buch zu schreiben, das Jungs-Mamas Zuversicht spenden und Anregungen geben sollte.

    Vor wenigen Tagen war ich bei einer Jungs-Mama, die Mutter von zwei Söhnen (8 und 6) ist, zum Brunchen eingeladen. Die Situation, die ich dort erlebte, berührte mich sehr und brachte mich wieder mal zum Nachdenken.

    Kaum hatte ich nämlich meinen Fuß über die Türschwelle gesetzt, erschienen die kleinen Männer auf der Bildfläche. Beide musterten mich interessiert und begrüßten mich artig. Dann verzog sich der Ältere und ward nicht mehr gesehen. Der Jüngere gesellte sich strahlend und wie selbstverständlich zu uns an den reich gedeckten Tisch. Er erzählte und zeigte und quatschte ein bisschen dazwischen. Er war reizend. Ein toller Charakter.

    Die Leckereien am Tisch lichteten sich bereits dramatisch, als der Ältere sich zögernd durch den Türspalt schob. Während er mit seiner Mutter sprach, warf er mir immer wieder vorsichtige Blicke zu. Auf meine Versuche, unaufdringlich den Blickkontakt zu erwidern, reagierte er mit einem scheuen Lächeln. Irgendwann begann er, mich nach meinem Interesse an Gartenkräutern abzutasten. Wir gerieten in ein richtig gutes Gespräch. Ich durfte riechen und schmecken. Alles, was mir der kleine Gartenfreund erklärte, tat er so ernsthaft und besonnen, dass es mein Herz rührte.

     

    Ich verabschiedete mich in herzlichem Kontakt zu beiden Jungs.

    Die Heimfahrt geriet zur gedanklichen Zeitreise.

    Ja, auch meine drei Söhne, die längst erwachsen sind, traten der Welt damals sehr unterschiedlich entgegen, hatten jeder einen eigenen Charakter.

     

    Drei Jungs – jeder mit eigenem Charakter

     

    Was sich besonders dramatisch in der Kinderarzt-Praxis entfaltete: Eines der Kinder freute sich regelrecht, wenn wir den Weg in Richtung Wartezimmer einschlugen. „Immerhin ist hier etwas los!“, schien es von klein auf zu denken. Weder wechselndes Personal, noch Impf-Sessions konnten seine Leidenschaft für Arztbesuche erschüttern. Ein weiteres Kind nahm diese mit großer Gelassenheit hin. Ganz offensichtlich war es eben so, dass man da ab und zu hin musste. Keine große Sache! Das dritte Kind sah die Sache als Bedrohung an. Fremde Menschen, fremde Umgebung, fremde Gerätschaften. Es ging in Abwehrhaltung, noch ehe die erste Nadel seinen Oberarm getroffen hatte.

     

    Auf dass kein Mängelstempel niederdonnert!

     

    Obwohl ich selbst im Innersten auch damals schon davon überzeugt war, dass Menschen nun mal sind, wie sie sind und ihren eigenen Charakter haben, beutelte es mich manchmal gewaltig: Würde sich der ernstere, ängstlichere Sohn im Leben nicht schwerer tun? Würde sich der, der das Abenteuer sucht, nicht ständig in Gefahr bringen? Würde der Gelassene nicht allzu gelassen mit Herausforderungen umgehen? Müsste ich als Mutter nicht irgendetwas unternehmen, damit jeder von ihnen die Anforderungen des Lebens stemmen würde?

    “Wie froh ich bin, dass ich als Mutter bis zum heutigen Tag zwar vieles unternommen habe, jedoch nichts in der Absicht, meine Söhne zu verändern!”

    Der eine hatte es manchmal schwerer als sein unbekümmerter und sein abenteuerlustiger Bruder, da bin ich sicher. Vollkommen unverkrampft mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, Sympathien ohne Mühen einzusammeln, heiter, unbeschwert und ohne Furcht durchs Leben zu gehen – das sind ohne Zweifel Bonusfaktoren im Leben von uns Menschen. Aber hätte es irgendetwas gebracht, wenn ich dem nicht so Draufgängerischen zusätzlich das Gefühl vermittelt hätte, an ihm sei etwas falsch? Wenn ich dem Mutigen Ängste eingeimpft hätte? Wenn ich den mit der Seelenruhe in Unruhe versetzt hätte?

    Auch wenn man nie weiß, wie es weitergeht, kann ich heute sagen, dass jeder seinen höchstpersönlichen Weg eingeschlagen hat, mit dem er gut zurechtkommt. (Und dass keiner von ihnen heute nur „der Ängstliche“, „der Draufgängerische“, „der Unbekümmerte“ Charakter ist.)

    Ich bin überzeugt davon, dass dies eines der größten Geschenke ist, die ihr als Eltern eurem Kind machen könnt: Es so anzunehmen, wie es ist. Vermittle deinem Kind nicht das Gefühl, ihr, die Eltern, seien betrübt oder gar enttäuscht ob seiner ganz besonderen Wesensmerkmale.

     

    Und deshalb gebe ich, die nie Ratschläge verpassen, sondern immer nur Denkanstöße geben will, diesen einen Rat dann doch:

    „Egal, wie dein Kind sich der Herausforderung „Leben“ stellt,
    egal, wie du es dir im Innersten gewünscht hättest –
    nimm es so an, wie es ist und stärke es,
    anstatt es durch Bemängelungen zu schwächen!“

    Und jetzt sage ich mal ganz provokativ: Das müssen wir Eltern von Jungs uns ganz besonders hinter die Ohren schreiben. Denn Mädchen „dürfen“ heute auch durchsetzungsfähig und laut sein. Bei Jungs aber schlenkert die Diskussion noch immer zwischen echten Kerlen, tollen Männern, gefühlvollen Weicheiern. Da schwingt eine gehörige Portion Bewertung vom Charakter mit. So kann es leicht passieren, dass man als männliches Wesen den Mängelstempel auf sich niederdonnern fühlt.

    Dein Kind als Individuum

    • Werde dir bewusst, dass es dein Kind nur SO gibt!
    • Erinnere dich in Zeiten großer Herausforderung daran, dass du keinen Wunschartikel bestellt, sondern ein Kind bekommen hast!
    • Baue bewusst Gelegenheiten in euer Leben ein, in denen du mit jedem deiner Kinder alleine Zeit verbringst!
    • ACHTUNG: Verwechsle das Annehmen der Wesensmerkmale nicht mit dem Annehmen unangemessenen Verhaltens! Wenn das Kind sich selbst oder anderen Schaden zufügt, musst du eingreifen. Was noch lange nicht heißt, dass du es „umstricken“ musst.

     

    Schau dir auch Heidemaries Bücher an:

    Mein Kind ist genau richtig, wie es ist – Das Ermutigungsbuch für Eltern, Kösel 2017
    Jungs-Mamas – Jede Menge Anregungen für ein schönes Leben mit Söhnen, Kösel 2019

    Heidemarie im Podcast:

    Wir haben mit Heidemarie Brosche ein Gespräch über das unperfekte Muttersein geführt. Hier geht es zum Podcast.

     

     

    Foto: Angela Elbing

    Click here to bookmark this

    Unser Redaktionsteam schreibt über alle Themen, die dich als Mama, Schwangere, Partnerin, Ehefrau, Freundin, Alleinerziehende oder einfach nur als Frau interessieren. Wenn dir ein Inhalt fehlt oder du selbst über etwas schreiben willst, deine Geschichte erzählen möchtest oder uns einfach eine andere Perspektive geben will, schreib uns an redaktion@mother-now.de.de

    Are you sure want to unlock this post?
    Unlock left : 0
    Are you sure want to cancel subscription?