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    Lass uns über den Tod sprechen
    Moni Knese ist Trauer- und Sterbebegleiterin und weiß, wie man mit Trauer und Schmerz umgehen kann und mit seinem Kind darüber redet

    Wie soll ich bloß damit umgehen? Die Erzieherin im Kindergarten hat gerade ihren Mann verloren, die Nachbarin hatte eine Fehlgeburt, der beste Freund des Sohnes musste sich für immer von seiner Mutter verabschieden. Tod und Trauer sind wirklich keine einfachen Themen. Den meisten fällt es schwer, mit Trauernden umzugehen. Sie haben Angst vor dem Schmerz, befürchten, etwas falsch zu machen oder nicht die richtigen Worte zu finden. Wir haben die Trauer- und Sterbebegleiterin Moni Knese gefragt, warum es uns so schwer fällt, worauf wir achten können und wie wir unsere Kinder unterstützen und von ihnen lernen können.

     

    Warum fällt es uns so schwer, über den Tod zu sprechen?

    Moni: Der Mensch in unserer heutigen Gesellschaft fühlt sich der Natur überlegen und entfremdet, sodass er seine Endlichkeit nicht mehr kennt und auch nichts davon wissen will – man forscht ja schon seit einiger Zeit an der Verlängerung der Lebenszeit.

    Das mit der Angst ist in anderen Kulturen auch nicht so stark ausgeprägt, je ursprünglicher, desto angstfreier, würde ich sagen. In Peru basteln sie kleine Fingerpuppen, die aussehen wie der Tod, und in Mexiko feiern sie ein sehr buntes, lustiges Fest zum Gedenken an die Verstorbenen. Die Kulturen gehen sehr unterschiedlich mit dem Thema um. Auch ein Blick in die Religionen hilft beim Verständnis der verschiedenen Leben-und-Tod-Konzepte: der Ablasshandel in der katholischen Kirche, die Paradies-Verheißung für die Selbstmordattentäter und so weiter. Die traumatischen Weltkriegserfahrungen, die nicht bearbeitet wurden, könnten auch mit ein Grund dafür sein – bei meiner Mama etwa ist das so. Die hatte eine schreckliche Angst vor dem Tod, und deshalb kam der bei uns nicht vor. Es wurde nicht auf Beerdigungen gegangen oder darüber gesprochen. Der Fokus der modernen Menschen auf Selbstverwirklichung und auf das Jungsein und das Interesse an gesunden, effizienten Menschen grenzt Kranke und Sterbende als Thema aus – das gehört nicht mehr dazu!


    Haben wir Angst, dass der Tod ansteckend ist? Und schweigen deshalb?

    Moni: Ganz prinzipiell ist Angst ja was Gutes, da sie uns aufzeigt, wann es für uns gefährlich wird, aber wie bei jeder Angst gilt: Sie wird riesengroß, wenn man sie nicht genau untersucht und benennt. Und ja, tief im Inneren haben wir diesen Aberglauben, dass der Tod ansteckend ist. Rein medizinisch ist dies in den seltensten Fällen richtig, aber der Mensch musste schon immer vorsichtig sein, um zu überleben – "Vorsicht vor roten Beeren, giftigen Pilzen, toten Tieren…" – und hat das still und heimlich den folgenden Generationen weitergegeben.

    Meiner Ansicht nach sprechen wir zu wenig darüber aus Angst vor dem Sterben, dem Tod, vor dem Unbekannten und dem eigenen Verschwinden. Themen, die Angst verursachen, werden gemieden, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen. Nach dem Motto: Was ich nicht sehe, gibt es auch nicht… Verdrängung in Reinform. Leider nimmt man sich so auch die Chance, sein eigenes Leben viel bewusster zu leben – bis zuletzt. Wenn mir klar ist, dass Sterben zum Leben dazugehört, kann ich mein Leben auch so gestalten, wie ich es möchte und im Hier und Jetzt genießen. Und ist mir klar, dass Sterben so wie die Geburt biologisch gut vorprogrammiert ist, verkleinert es ebenfalls die Angst davor.

     

    Warum können Kinder viel unvoreingenommener über den Tod sprechen, und was nehmen wir ihnen, wenn unsere Angst das Thema von ihnen fernhält?

    Moni: Kinder haben je nach Alter noch eine andere Vorstellung davon, was Tod bedeutet. Unser erwachsenes ‚Todeskonzept‘ entwickelt sich erst im Alter von 10-12 Jahren und stabilisiert sich in der Jugend. Warum sollten sie also vor etwas Angst haben, was sie gar nicht fassen können – im Sinne von irreversibel, universell und nonfunktional? Ein weiterer Grund ist, dass Kinder die Welt verstehen lernen möchten und sich so auch ihre Sicht auf das Leben zusammenbauen. Sie fragen, nehmen Antworten auf, überprüfen, ergänzen, puzzeln sich so ihre Weltanschauung zusammen. Das machen sie verbal und nonverbal. Die Angst der Erwachsenen bei dem Thema spüren sie sehr stark und erleben so, dass das Thema Tod und Sterben unaussprechlich ist und sehr schlimm sein muss.

    Wir nehmen ihnen mit unserem Schweigen die Möglichkeit,

    • Antworten auf ihre Fragen zu bekommen.
    • die Erkenntnis zu gewinnen, dass der Tod zum Leben dazugehört.
    • auf Abschiede vorbereitet zu sein, die sie in ihrem Leben erfahren werden.

    Wir belassen sie in ihrer Fantasie, die weitaus schwieriger sein kann als die Realität.

    Wir lassen sie allein.

     

    Kinder finden bestimmt ganz anders Ausdruck für ihren Schmerz, ihre Fragen, ihre Fantasie. Kannst du uns von einem Beispiel erzählen, das dich besonders berührt, zum Lachen gebracht oder erleichtert hat?

    Moni: Wenn Kinder trauern, ist es wichtig, dass sie etwas tun können. Da Kinder auch sehr spontan und kreativ sind, sollte man immer versuchen, sie zu motivieren, etwas zu gestalten oder auch mitzugestalten (zum Beispiel Briefe und Bilder mit ins Grab legen, den Sarg bemalen, Blumen aussuchen, Ballons steigen lassen…).

    Gerne erzähl ich von Lisa (6). Sie hatte einen von Geburt an schwerstkranken Bruder. Ihre Mutter sprach sehr offen mit ihr über die Situation, alle Fragen waren erlaubt. Lisa setzte sich sehr mit dem kommenden Tod des Bruders auseinander, spielte mit ihren Freundinnen Beerdigung, plante die Beisetzung und fand es schrecklich, dass es nur rote Friedhofskerzen gibt. Sie wollte so gern eine blaue. Ein blaues Partylicht war dann die Lösung, mit der sie gefühlt auf alles, was da kommen sollte, vorbereitet war.

    Du hast in unserem Gespräch immer wieder gesagt: Hört nicht auf zu fragen. Aber wenn mir doch die Worte fehlen? Wo kann ich lernen, wie ich richtig frage?

     

    Moni: Die Welt um die Trauernden dreht sich einfach weiter, nur ihre Welt ist zerbrochen. Für Trauernde und Menschen in Veränderungsprozessen ist es wichtig, gesehen und gehört zu werden und alles in ihrem eigenen Tempo verarbeiten zu können. Daher ist ein Signal "Ich weiß um deine Situation", Dasein, Nachfragen, Verständnis haben, eine Möglichkeit, trauernde Menschen zu trösten und sich als Gegenüber anzubieten. Es gibt kein richtiges oder falsches "Fragen", es braucht einfach nur den Mut, es zu tun, so wie man es eben kann, und es auch immer wieder zu tun!

    „Es gibt kein richtiges oder falsches "Fragen".“

    Sprachlosigkeit kann zu noch mehr Schmerz führen, denn es vergrößert den Verlust und verlagert die Verantwortung. Der Trauernde muss sich auch noch um den Mittrauernden kümmern. Ich empfehle gerne das Buch von Chris Paul – “Keine Angst vor fremden Tränen!: Trauernden begegnen” (Gütersloher Verlagshaus 2013). Es gibt viele Anregungen, konkrete Beispiele und Hilfestellungen, wie wir Außenstehenden in diese Rolle hineinwachsen können. Und wer noch mutiger ist, dem lege ich sehr die Sarggeschichten ans Herz – kurze, warme und klare Filme zu Themen und Fragen rund um Sterben, Tod und Trauer, um Berührungsängste abzubauen, sich zu informieren oder Neues zu lernen.

    Und wer noch weiter gehen will, der wendet sich an Professionelle im Bereich der Sterbe- und Trauerbegleitung, die einen dazu beraten können. Ein guter erdender Einstieg bietet auch der Kurs "Letzte Hilfe", den verschiedene Institutionen in Berlin und auch in anderen Städten anbieten. 

    Foto: Angela Elbing

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