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    Lehrer im Ausnahmezustand
    Homeschooling, Notbetreuung, Abstandsregeln & Co aus der Perspektive einer Lehrerin und Mutter

    Corona hat uns gefordert. Jeden unterschiedlich und auf seine Weise. Eltern von Schulkindern haben sich in der völlig neuen Aufgabe des Lehrers gesehen und – wir dürfen es wohl ohne Übertreibung sagen – auch dabei gelitten. Denn das “Lehrer sein” ist irgendwie so gar nicht einfach. Und vor allem so nervenaufreibend.


    Uns ist natürlich völlig klar, dass die Umsetzung des Homeschoolings nicht nur in allen Familien völlig anders lief – denn jedes Kind bringt nicht nur eine andere Motivation mit, viele Eltern haben mehrere Kinder zu beschulen und zudem ein unterschiedliches Arbeitspensum was parallel erledigt werden muss – sondern dass die häusliche Beschulung auch von Schulseite unterschiedlich umgesetzt wurde. Jeder Lehrer hat außerdem (wie auch im normalen Unterricht) andere Fern-Lehrtechniken angewendet und konnte anders unterstützen. Zudem handhaben die Bundesländer es z.B. auch alle anders, ob die erbrachten Leistungen während des Homeschoolings in die Bewertungen eingehen.


    Deswegen ist die Perspektive einer Grundschullehrerin und Mutter von Kleinkindern auch nur eine von vielen. Es hilft aber sehr, ihre Sichtweise auf Homeschooling und Notbetreuung von der Lehrerwarte aus zu betrachten und gemeinsam zu hoffen, dass es so bitte nicht nach den Sommerferien weitergeht!


    Gastautorin Johanne Gerlach wünscht sich, wie viele andere, eine Veränderung. Dass Corona vielleicht nicht umsonst war und zu einem Lerneffekt bei allen führt. Vor allem die Stellung von Familien aus politischer Perspektive, die Anerkennung des Wertes, den sie darstellen und auch was sie derzeit zu tragen haben. Dazu gehört auch eine Überarbeitung des Bildungssystems. Aber auch ein solidarisches Umdenken in der Gesellschaft, bestehend aus Zuhören, füreinander da sein und auch Dankbarkeit für das, was wir haben.

    Perspektivwechsel Mutter -> Lehrerin

    "Oh Corona, du bist mistekatro" – unser Geheimwort für „scheiße“, denn in einem guten Pädagogenhaushalt benutzt man keine Schimpfworte (Lüge!) und die Zeiten, in denen ich ein „Fuck“ als „Fackel“ verkaufen konnte, sind längst vorbei.

    Aber kommen wir zum Thema. Als an die Grundschule abgeordnete Gymnasiallehrerin und Mutter von zwei kleinen Kindern, wage ich den doppelten Perspektivwechsel. Leider kann ich im Folgenden keine Lehrerklischees bestätigen, denn ich arbeite seit dem Shut down fast durch und kam nicht in den Genuss scheinbar vorgezogener Sommerferien.

    Schul-Kollegium mit viel Engagement im Dauereinsatz

    Unser kleines Kollegium war im Dauereinsatz, um systemrelevanten Eltern den Rücken freizuhalten: Notbetreuung heißt das im Fachjargon. Kekse backen, basteln, Denksportaufgaben, Schneemänner/frauen/kinder auf dem Schulhof bauen und Corona-Experimente standen dabei auf der Tagesordnung. Wir mischten Wasser und Pfeffer, um das Virus sichtbar zu machen und zeigten, wie toll uns Seife schützen kann. Wir holten die Lautsprecherboxen raus und tanzten den Bienensong der „Lichterkinder“ und pinselten Regenbögen in allen Farben an.  

    Dann kam endlich auch für die Grundschulen das Go für die Weiterarbeit am regulären Stoffplan, auch bekannt als Home-Learning, denn bis dahin sollten auf Weisung des Kultusministeriums noch keine Aufgaben bereitgestellt werden. Plus die Vorbereitungen für den Tag X – der Tag, an dem unsere Schützlinge zurückkehren würden.

    Unsere Schulleiterin war derweil unter die Graffitikünstlerinnen gegangen: Sie markierte den ganzen Schulhof gemäß der 1,50m-Abstandsregel, entwickelte ein ausgeklügeltes Straßennetz im Schulgebäude; Einbahnstraßen avancierten dabei zum Maß aller Dinge; maß Toilettenräume aus und briefte das Kollegium. Wir übertrugen das Ganze in Klein-Klein auf unsere Klassenräume und versuchten die Regeln für kleine Menschen verständlich darzustellen. 

    Unheimlich toll fand ich das Engagement vieler meiner Kolleginnen und Kollegen. Da ich ja nur Gast im Kollegium war, nehme ich mir heraus, das aus der Perspektive des Außenblickes zu beurteilen: Jede Woche fuhren sie die neuen Wochenpläne durchs Dorf, sammelten die Aufgaben der Kinder ein und hielten dabei Rücksprache mit den Erziehungsberechtigten, sie übten mit den Drittklässlern das Telefonieren und ließen sich kleinere Texte vorlesen, um den Stand der Dinge einschätzen zu können, sie überlegten sich praktische und vor allem umsetzbare Aufgaben für den Sachunterricht, um die Elternschaft nicht noch zusätzlich unter Druck zu setzen. Lehrkräfte, die sich für das Homeoffice entschieden hatten, unterstützten uns, indem sie geeignete Materialien suchten oder Kinder mit besonderen Förderbedarfen am Telefon 1:1 betreuten. 

    Doch wie viele Kinder wurden trotzdem abgehängt?

    Das klingt alles nach heiler Welt, doch wir wissen sehr wohl, wie viele Mädchen und Jungen wir trotzdem durch diese Krise abgehängt haben. Nicht selten holten wir Kinder in die Notbetreuung, um ein Mindestmaß an Alltag zu gewährleisten. Wir kämpften dafür, dass die Inklusionskinder mit ihren Schulbegleiterinnen kommen durften, denn Letztgenannte bekamen auch nur Kurzarbeitergeld und wussten sich kaum über Wasser zu halten. 

    „Die veränderten Bedingungen waren und sind heute nur zähneknirschend hinnehmbar."

    Grundschulkinder wollen gedrückt werden, brauchen ein Schulterklopfen oder ein über-den-Kopf-streicheln. Jedes Mal durchzuckte es mich, wenn ich die Hand zurückziehen musste. Nicht, weil ich Angst vor Ansteckung gehabt hätte, sondern weil sich mindestens drei Eltern bei der Schulleitung, der Landesschulbehörde oder gar der Bundeskanzlerin über mich beschwert hätten. 

    Abstandsproblem Pausenhof

    Als besonders impraktikabel und schwer umsetzbar erwies sich die Abstandsregel auf dem Pausenhof. Während die Kitakinder auf dem Gelände nebenan miteinander rauften, rannten wir Lehrkräfte wie aufgescheuchte Hühner über das Gelände, um im Sand spielende Kinder an die neue Verordnung zu erinnern. Die Elternkamera am Zaun filmte mit! Versetzte Pausenzeiten halfen zwar den Überblick zu wahren, bedeuteten aber auch, dass man nicht mehr wusste, wann man selbst die Toilette besuchen konnte. Vom Luxus eines Bissens ins Pausenbrot will ich gar nicht erst anfangen.

    So viel zum Drumherum. 

    Doch was bedeutet die Coronakrise für den regulären Unterricht?

    Wie soll ich es ausdrücken? Es ist fantastisch. Plötzlich sitzen da nur zwölf Kinder vor mir, die sich über zu lange Pausenzeiten beschweren, die es feiern, uns Lehrerinnen und Lehrer wiederzusehen, die die Schule vermisst haben und es hassten, sich daheim mit ihren Eltern rumzuplagen. Und als ob das alles nicht genug wäre, riefen uns plötzlich heulende Mütter und Väter an, weil wir es ja ansonsten täglich mit ihren Kindern aushielten – ich würde lügen, wenn nicht auch beim Schreiben dieses Textes ein kleines Lächeln der Genugtuung meine Lippen umspielen würde.

    Auch fachlich sind die Auswirkungen enorm

    Plötzlich ist wahrhaftige Inklusion möglich. Denn: Ich sehe dich plötzlich! Dich genau dich und was du brauchst. Ich kann reagieren, dich das Kapitel der Lektüre vorablesen lassen, dir anderes Material zur Verfügung stellen, dir beim Fokussieren helfen und dich bestärken. Wahnsinn, wie das alle durch den Unterricht trägt. Dies gilt natürlich auch für das (hoch-)be-gabte Kind, welches ich nicht mit einem schnöden „Mehr“ abspeisen muss. Sollte es wirklich so einfach sein? 

    Flexibilität – das Gebot der Stunde auch bei der Benotung

    Bammel vor schlechten Noten hatte bei uns übrigens kaum ein Kind. Was wären wir für schlechte Menschen, sofort mit einer Leistungsüberprüfung zu wedeln, sobald die Kinder wieder die Schule betreten dürfen. Ausnahmslos immer wiederholten und übten wir das Thema, welches wir benoten wollten, in der Schule, um uns vom Lernstand und -fortschritt überzeugen zu können. Arbeiten wurden nach hinten verlegt, wenn es noch Lücken gab, Lehrpläne wurden ausgedünnt, die Stundenverteilung modifiziert, um den Hauptfächern mehr Spielraum zu geben. 

    Flexibilität war das Gebot der Stunde. Ein Kind meiner Klasse, das im Home Office bleiben musste, luden wir auf den Schulhof ein, um seinem Referat zu lauschen. Er hatte zuhause sogar ein kleines Hügelgrab gebastelt und performte vor seinen Mitschülerinnen und Mitschülern wie der Hamburger Sportverein zu seinen besten Zeiten. Die ältere Generation unter uns wird sich daran noch erinnern. 

    Perspektive Lehrerin -> Mutter

    Unser Familienalltag bestand, wie bei vielen Eltern, in dieser Zeit aus der „Klinke in der Hand“. Da mein Mann auch Lehrer ist und an meiner Stammschule genau die oben genannten Sprayertätigkeiten und vieles mehr innehatte, lebten wir wie fast alle berufstätigen Eltern in dieser Zeit: Ich ging – er blieb, ich kam – er ging. Erst mit der Öffnung der Schulen für die zurückkehrenden Klassen wurden wir Lehrerinnen und Lehrer „systemrelevant“ und konnten einen Notbetreuungsplatz in der Kita beantragen. Doch auch hier legte man einigen Kollegen Steine in den Weg. Besonders für eine Referendarin mit zwei Kindern war dies eine schwere Zeit, denn ihre Einrichtung wollte nur die tatsächlichen Unterrichtsstunden abdecken. Die Zeit der Vorbereitung, das Kopieren oder die examensrelevanten Videokonferenzen, statt der Unterrichtsbesuche, schloss das nicht mit ein. Lediglich fünfzehn Minuten Wegzeit räumt man ihr ein. Ein Problem, mit dem sicher nicht nur wir Lehrende zu kämpfen hatten. Anmerken möchte ich, dass die Situation der Erzieherinnen und Erzieher – ohne minimale Chance einen Abstand zu wahren – natürlich bedacht und gewürdigt werden muss und die Kindertagesstätte meiner Kinder sich super solidarisch verhielt. 

    Jedenfalls legten auch wir bis dahin Home-Office-Nachtschichten ein, führten Video-Konferenz-Tests durch, die am kläglichen Dorfinternet scheiterten, und fielen abends todmüde ins Bett. Nicht selten taperten zwei kleine Füße in dieser Zeit noch einmal die Treppe hinunter und beglückten uns – mit Cowboyhut, Cape und Gitarre bewaffnet – mit ihrem heute noch legendären Coronasong. 

    Auf den Lachanfall folgte dann ein Sehnsuchtsanfall, denn die entfernt wohnenden Großeltern wurden schmerzlich vermisst. Das Canceln des Osterwochenendes bei meinen Eltern hatte Tränen auf allen Seiten zur Folge. „Wenn Corona weg ist…“ – so begann jeder Satz meines großen Mädchens. Ihren Freundinnen schickten wir Videobotschaften, backten Einhornkekse (zucker- und glutenfrei natürlich) und stellten sie vor die Tür, und übernahmen zusätzlich noch wochenlang den Einkaufsdienst für die Nachbarin. 

    Zerrissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit

    Oft wachte ich morgens auf und genoss das wundervolle Licht der ersten Sonnenstrahlen, die durch die Blätter der Bäume funkelten, bis mir einfiel: Da war ja was! So surreal kam mir plötzlich alles vor. Wie sollten das dann unsere Kinder begreifen? 

    Und plötzlich soll fast alles wieder normal sein?

    Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass die Menschen etwas lernen. Politikern muss klar werden, wie sehr die Mütter diesen Staat tragen, dass sie nicht unsere Arbeitskraft nehmen, uns aber keine gesicherte Betreuung für unsere Kinder zur Verfügung stellen können, dass marode Schulen der Vergangenheit angehören und Ausstattungsmängel behoben werden müssen, dass man bei der Nachbarin von nebenan auch weiterhin einfach mal klingelt, obwohl sie ihre Einkäufe längst wieder selbst erledigt, dass Lehrkräften bewusster wird, dass ein Ipad kein reales Lächeln ersetzen kann, dass wir es uns bewahren, wieder besser zuzuhören, um zu verstehen, wie die Stimmung bei unseren Schützlingen gerade ist, dass wir Arbeit gerechter entlohnen und dankbarer sind für unsere Regierung, die einen guten Job gemacht hat. 

    Niemand kann in die Glaskugel blicken. Und wir müssen lernen auszuhalten, wie es die ehemalige Topmanagerin Janina Kugel ausgedrückt hat, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, sondern „sich scheinbar widersprechende Dinge[…] gleichzeitig richtig sein [können]. Das anzuerkennen und auszuhalten tut manchmal weh. 

    P.S.: Die Vierjährige wird es bitter bereuen, dass wir ihren Coronasong auf Video festhalten durften. Der 18. Geburtstag kommt bestimmt und bis dahin sind alle Beschränkungen hoffentlich aufgehoben.

    Foto: Johanne Gerlach privat

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    Die Diplom-Kauffrau mit jahrelanger Agentur- und Redaktions-Erfahrung ist Mama von 3 Söhnen und ein absoluter Sonnenschein. Ohne ihr blaues Fahrrad ist Saskia nie unterwegs und wahrscheinlich hat sie deshalb so gute Laune, weil sie die einzige von uns ist, die sich bei Wind und Wetter an der frischen Luft bewegt. Egal wie stressig und voll die Tage sind, Saskia schafft es nicht nur immer top auszusehen, sondern nebenbei auch noch uns allen Komplimente zu machen. Sie bereichert mit ihrem Spirit das Unternehmen und ist für unsere Redaktion zuständig und wer Aufmunterung braucht, der ist bei ihr genau an der richtigen Adresse.

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