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    Was bedeutet Klimaneutralität?
    Und (wie) geht das? – Wie wir Klimaneutral leben können und wie unser Leben 2035 aussehen könnte

    Die Parteien preisen derzeit ihre Wahlprogramme zum Klimaschutz an. Deutschland soll bis 2045 klimaneutral sein. Doch was bedeutet das genau und wie geht das überhaupt?

    Wir haben Expertin Sabine Ponath gefragt. Sabine ist seit 2006 politisch aktiv bei den Grünen. Die Leidenschaft hat sie sich zum Beruf gemacht und arbeitet seit 2008 als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Abgeordnete, erst im Landtag, dann im Bundestag. Heute schreibt sie für uns was Klimaneutralität bedeutet und wie so ein Leben aussehen kann.

    Wir sind verantwortlich für den Klimaschutz! Einerseits, weil Menschen im globalen Süden schon jetzt so unter der Klimakrise leiden müssen. Andererseits weil es um die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder geht. Oder um es mit den Worten von Laurent Fabuis zu sagen (das war 2015 der Chefverhandler der Klimakonferenz in Paris und damaliger französischer Außenminister):

    „Wenn wir jetzt versagen, werden unsere Kinder uns nicht verzeihen.”

    Es muss sich strukturell etwas ändern, das ist klar. Denn ohne eine Transformation der Wirtschaft, der Energieerzeugung und der Verkehrsinfrastruktur werden die Bemühungen einzelner Engagierter nicht ausreichen.

    Unsere Zukunft ist klimaneutral

    Wie aber würde so ein klimaneutrales Leben aussehen? Geht das überhaupt? Schon heute ist es möglich, viel klimafreundlicher zu leben, als ihr vielleicht denkt. Neutral? Schwierig. Das liegt eben strukturell an unserer Wirtschaftsstruktur, an der Art wie wir heizen und Strom erzeugen und wie in Deutschland Verkehr und Gütertransport organisiert sind. Aber lasst uns mal ganz optimistisch in die Zukunft sehen und schauen, wie unser klimaneutrales Leben 2035 aussehen könnte…

    Hintergrund: warum wir 2035 den CO2 Ausstoß auf NULL kriegen müssen

    Ganz schön ambitioniert, denken manche unter euch vielleicht. 2035 – das ist ja schon in wenigen Jahren! Was ist dann mit meinem Auto? Und meiner Heizung? Darf ich dann noch fliegen oder Fleisch essen? Warum wir es bis 2035 schaffen müssen, den CO2 Ausstoß auf netto Null zu reduzieren kann am besten Prof. Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung erklären: “In Paris haben die Staaten sich verpflichtet, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen und Anstrengungen zu unternehmen, sie unter 1,5 Grad zu halten. Jede Begrenzung der globalen Erwärmung erlaubt nur noch die Emission einer begrenzten CO2-Menge, denn je mehr CO2 wir insgesamt in die Luft gepustet haben, desto wärmer wird es auf unserem Planeten.”

    Nehmen wir an, wir wollen mit 67 Prozent Wahrscheinlichkeit unter den 1,75 Grad bleiben, so dürfen wir ab Anfang 2018 weltweit noch 800 Gigatonnen (das sind Milliarden Tonnen) CO2 emittieren. Dieses Restbudget teilt der Klimawissenschaftler für Deutschland nach unserem Anteil an der Weltbevölkerung auf: 1,1 Prozent. Ab dem Jahr 2020 bleiben uns demnach noch 6,6 Gigatonnen. Ab dem Jahr 2036 dürfen wir nichts mehr emittieren!

    Der Blick in die Kristallkugel: So könnte unser Leben 2035 aussehen…

    2035 werden deutlich mehr Windkraftwerke in der Landschaft stehen, die Dächer werden mit Solaranlagen gepflastert sein und wir werden auch auf Strom aus dem Ausland angewiesen sein, denn insbesondere die Dekarbonisierung industrieller Prozesse wird Unmengen an Energie verschlingen.

    Umso wichtiger ist im selben Zuge, dass wir bis dahin den Wandel hin zu Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung und -einsparung hinkriegen. Von politischer Seite lässt sich da ordnungsrechtlich ein Haufen steuern und auch ein starker CO2 Preis kann gut Lenkungswirkung entfalten. Aber wie sieht ein klimaneutrales Leben im Alltag wahrscheinlich aus?

    Verkehr

    Ein eigenes Auto?

    Wahrscheinlich bis 2035 Geschichte. Denn ein 1:1 Umstieg von Benzinern und Dieselautos auf elektrifizierte Fahrzeuge macht einfach keinen Sinn und würde einen kaum stemmbaren Material- und Energiebedarf mit sich bringen. Die Zukunft liegt im klugen und günstigen Teilen.

    In Zukunft könnte vor jedem Mehrfamilienhaus ein Sharing Car stehen, am besten gleich gerüstet mit Kindersitzen. In den Dörfern mit vielen Einfamilienhäusern wird es gemeinsam genutzte Fahrzeugflotten und ein clever genutztes Sammeltaxi geben. Die Digitalisierung wird die Organisation von Bedarf und Angebot vereinfachen. Generell wird der öffentliche Nahverkehr dichter getaktet und ausgebaut sein.

    Und was ist mit Flügen?

    Das Kompensieren von Flügen, gleicht derzeit noch einem Ablasshandel, oder um es mit dem Umweltbundesamt zu sagen: “Das Vermeiden von Treibhausgasemissionen ist grundlegend und prioritär für einen gesellschaftlichen Wandel und das Erreichen der Klimaschutzziele.

    Die freiwillige Kompensation stellt allerdings eine schnelle Möglichkeit dar, Privatpersonen sowie Unternehmen zu einem klimaneutraleren Produktions- oder Konsumverhalten zu sensibilisieren. Kompensation kann jetzt und heute ein wirksames Instrument sein, um (noch) nicht vermeidbare Emissionen dennoch auszugleichen.” (Quelle: https://www.umweltbundesamt.de). Dennoch bin ich der Überzeugung, dass es für Kinder und auch für uns Große ziemlich wichtig ist, mit Menschen aus anderen Ländern und anderen Gewohnheiten, Kommunikationsmustern und Gebräuchen in Berührung zu kommen. Dass wir weltweit immer näher zusammen gerückt sind, liegt mit Sicherheit auch am interkulturellen Austausch.

    2035 wird es, so hoffe ich, soweit sein, dass klimaneutrale Fuels im Einsatz sind, die durch Power-to-Liquid entstehen. Da das wiederum krass energieintensiv ist, müssen wir uns aber darauf einstellen: Fliegen wird deutlich teurer. Die für viele gewohnte Urlaubsreise mit dem Flugzeug wird wieder etwas Besonderes. Politisch fände ich es an dem Punkt aber wichtig, auch weniger privilegierten Menschen den interkulturellen Austausch zu ermöglichen, vielleicht über eine Art Budget für Reisen oder so. Aber das ist jetzt nur mal in die Zukunft gesponnen.

    Ernährung 

    Tierische Lebensmittel

    Jetzt gehts ans Eingemachte, denn die Produktion von Fleisch und auch von Milchprodukten ist alles andere als klimafreundlich. Im Gegenteil: “Die fünf weltgrößten Fleisch- und Molkereikonzerne sind für mehr Treibhausgas-Emissionen verantwortlich als die großen Ölkonzerne.” (Quelle: https://www.sueddeutsche.de/)

    Laut einer Untersuchung der Albert-Schweitzer-Stiftung ist die Massentierhaltung für rund 15 Prozent der von Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. (Quelle: https://albert-schweitzer-stiftung.de/) Je weniger Fleisch und generell tierische Produkte, desto besser also fürs Klima.

    Unsere Landwirtschaft wird 2035 deshalb, wenn alles glatt läuft ganz anders aussehen: Die Nutztierhaltung wäre dann deutlich zurückgegangen, Massentierhaltung würde der Vergangenheit angehören. Stattdessen würden mehr pflanzliche Proteine angebaut werden. Die Albert-Schweitzer-Stiftung rechnet vor: “Jede Person müsste demnach im Durchschnitt 75 Prozent weniger Rindfleisch, 90 Prozent weniger Schweinefleisch und nur halb so viele Eier wie bisher essen.” Dafür sind spannenderweise viel weniger Ackerflächen nötig, als wir derzeit brauchen, um all die Tiere satt zu kriegen.

    Wir müssen also gar nicht mal komplett vegan leben – obwohl ich das aus ethischen Gründen schon nachvollziehen kann.

    Warum ich mich mit der veganen Ernährung privat schwer tue: ich liebe Käse. Und: Ich selbst bin in Bayern inmitten kleinbäuerlicher Landwirtschaft aufgewachsen und weiß zu schätzen, was die meisten Höfe für unsere Kulturlandschaft und die Sicherstellung unserer Nahrungsmittelversorgung tagtäglich leisten. Auch im Hinblick auf die Tierhaltung kenne ich Bauern und Bäuerinnen persönlich, deren Tiere dort gut leben und die ihnen sehr am Herzen liegen. Spätestens 2035 werden wir hoffentlich viel bewusster konsumieren, tierische Produkte werden vor dem Hintergrund aber vermutlich deutlich teurer sein als heute.

    Wohnen

    Strom und Heizung? Das wird 2035 aus Erneuerbaren Energien geliefert. dazu wird es bis dahin einen gewaltigen Kraftakt brauchen, denn wer heizt heutzutage schon mit der Wärmepumpe? Die meisten Wohnungen, auch Neubauten, haben immer noch Gas- oder Ölheizungen verbaut. Wir haben bei uns immerhin eine kleine Solaranlage auf dem Dach: Das warme Wasser wird morgens also von der Sonne beigesteuert. Richtig heiss duschen ist da aber momentan zumindest nicht drin. Vielleicht macht da die Technologie bis 2035 auch noch einmal einen Sprung.

    Wichtig ist bei all den nötigen Reformen, dass das nicht alles auf die Mieter*innen abgewälzt werden kann, und dass auch den Hauseigentümer*innen politisch unter die Arme gegriffen wird. Denn billig wird das nicht, zumindest kurzfristig. Langfristig machen wir uns damit unabhängig von unsicheren Öl- und Gasimporten.

    Konsum

    Eigentlich logisch: Alles was neu gekauft wird muss auch erst einmal produziert werden. Das kostet Energie und Ressourcen. Wir werden spätestens 2035 unser Verbraucher*innenverhalten anders ausrichten: Was benötige ich wirklich? Tut es das auch in gebrauchtem Zustand? Außerdem feilt die Europäische Kommission kräftig an einem Recht auf Reparatur – mit der nervigen Kurzlebigkeit von insbesondere elektronischen Geräten könnte also schon bald Schluss sein.

    Klimaneutral – hier und jetzt?

    Wenn ihr bis hierhin aufmerksam gelesen habt, wird euch sicher aufgefallen sein, dass viele der genannten Beiträge zu einem klimaneutralen Leben schon jetzt möglich sind. Die Aktivistin Luzia Jochner-Freitag vom Bündnis 100 x klimaneutral etwa sagt : “Wir sind überzeugt, dass jeder und jede Einzelne sehr viel tun kann, und zwar hier und jetzt.” (Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/) Die Menschen, die sich dem Bündnis angeschlossen haben erklären auf ihrer Website:

    “Durch viele kleine und große Schritte ist es unter den gegebenen strukturellen Bedingungen in Deutschland möglich, die Freisetzung klimaschädlicher Gase von durchschnittlich 11,5 Tonnen auf unter 4 Tonnen pro Person und Jahr zu verringern. (…) Was wir trotz ernsthafter Bemühungen (noch) nicht vermeiden können, kompensieren wir. Das heißt: Wir unterstützen finanziell Projekte, durch die die entsprechende Menge Kohlenstoffdioxid eingespart wird. In der Summe leben wir somit klimaneutral.” (Quelle: https://www.100xklimaneutral.com/wer-sind-wir)

    Ich finde das vorbildlich, weiß aber auch für mich: Ich bin wahrlich keine Klima-Heilige (wie ich dem lieben Christian auf dem Blog https://www.vonguteneltern.de schon erklärt habe) und setze große Stücke auf strukturelle Veränderungen durch die Politik. Die Hauptemittenten sind die Energiewirtschaft und Industrie und es nicht ok ist, alles auf Privatleute abzuschieben. Trotzdem lohnt es sich im einzelnen genau zu schauen, wo wir unseren Beitrag schon heute leisten können.

    Wie steht es um eure CO2-Bilanz?

    Habt ihr schon einmal eure CO2-Bilanz errechnet? Auf den Seiten des Umweltbundesamts lässt sich das ganz einfach machen: https://uba.co2-rechner.de/de_DE

    Außerdem hilft es, ganz bewusst über die CO2-Bilanz einzelner Produkte nachzudenken und in dem Kontext folgende Punkte zu checken, denn unser Konsum hat große Lenkungswirkung:

    Plastik:

    Generell ist Plastik ziemlich evil, schaut man allein auf die Rückstände und auf die schwere Wiederverwertbarkeit, dazu haben wir schon viel hier geschrieben. Aber auch Klima mäßig sind Produkte aus Plastik schwierig. Am Beispiel PET zeigt sich das sehr anschaulich: „Weltweit werden jährlich rund 50 Millionen Tonnen PET für Textilien, Elektronik, recycelbare Getränkebehälter und Körperpflegeprodukte produziert. Die Verwendung von Rohstoffen aus fossilen Brennstoffen, kombiniert mit der Energie, die zur Herstellung von PET benötigt wird, erzeugt mehr als vier Tonnen CO2 für jede produzierte Tonne PET.“ Quelle: https://web.de/

    Chemisch erzeugte Produkte:

    Viele Basischemikalien, darunter Ammoniak, Chlor, Methanol und Harnstoff können derzeit nur mit großem Einsatz von CO2 erzeugt werden. Ammoniak wird etwa für Dünger oder Schaumstoffe benötigt, Methanol zum Beispiel für Farbstoffe oder Lösungsmittel. Der Verband der chemischen Industrie hat gerade in einer Studie untersuchen lassen, ob man Kohlenstoff aka CO2 zukünftig ersetzen könnte. Das geht technisch, ist aber sehr aufwendig und energieintensiv, sprich: Bis alle chemischen Stoffe CO2 frei sind, liegt noch ein langer Weg vor uns. Solange könnt ihr auch diesbezüglich kritisch prüfen, woraus Produkte bestehen.

    Lebensmittel:

    Ihr denkt, weil die Gurke aus Spanien kommt, ist sie automatisch ein Klimakiller? Ganz so einfach ist es nicht. Was immer hilft: Saisonal ist besser als nicht saisonal. Regional ist besser als überregional. Bio ist meistens besser als konventionell. Saisonal frisch ist immer besser als aus dem Glashaus. Und: Tierische Produkte sind CO2 intensiver als pflanzliche Produkte. Am „schlimmsten“ sind Milch, Butter und Rindfleisch. (Quelle: https://www.suedkurier.de/)

    Wege:

    Wo kauft ihr? Wo wurde das Produkt erzeugt und welche Wege hat es zurück gelegt? Wie wurde es verschickt? Spannend, was gerade beim Punkt Lebensmitteln anfällt: „87 % der in Deutschland konsumierten Lebensmittel werden hier produziert, 9 % kommen aus anderen europäischen Ländern und knapp 4 % aus Übersee. Dennoch machen die Importe aus Übersee aufgrund der großen Entfernungen fast 70 % der von allen Lebensmitteln zurückgelegten Kilometer aus. Der Transport Lebensmittel von Lebensmitteln per Flugzeug liegt bei 140 Tonnen pro Tag.“ (Quelle: https://bauerntuete.de/) Ein anderer in dem Kontext wichtiger Punkt ist auch der Versand von Dingen. Auf https://utopia.de/ kriegt ihr einen Überblick über Anbieter von klimaschonenden Versandmöglichkeiten im Vergleich.

    Ich finde, allein darüber nachzudenken öffnet uns die Augen und hilft uns, schon heute bewusste Entscheidungen zu fällen. Dabei ist klimaschonend häufig auch schon jetzt besser für den Geldbeutel. Die großen, nötigen Umwälzungen und Investitionen hingegen werden einigen Menschen viel abverlangen. Ich glaube, da darf man auch kein falsches Bild zeichnen. Es ist eine politische Aufgabe, soziale Härten abzufedern und das Nötige auch möglich zu machen. Denn klar ist:

    An einer Reduktion unseres Treibhausgas Ausstoßes führt kein Weg vorbei, wenn wir wollen, dass diese Welt auch für unsere Kinder noch ein schöner Ort zum Leben sein soll.

    TIPP: Auf dem Weg zu einem möglichst klimaneutralen Leben könnt ihr die Möglichkeit nutzen, euren CO2-Verbrauch zu kompensieren. Stiftung Warentest hat die Anbieter verglichen. Am Besten schneiden AtmosfairKlima-Kollekte und Primaklima ab. „Mit dem Geld werden zum Beispiel Auffors­tungs­projekte im Regen­wald oder der Einsatz von Solar­lampen in Entwick­lungs­ländern finanziert. Kompensation heißt, dass an anderer Stelle konkret dieselbe Menge CO2 einge­spart wird, die der Kunde – etwa indem er ein Flugzeug nutzt – verbraucht.“ (Hier geht es zum ganzen Bericht.)

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