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    MOTHER.NOW

    „Müttern wird die Würde im Alltag schnell genommen.“
    Eine Einladung zum Perspektivwechsel mit Rita – Mütter aus Deutschland

    Rita ist heute Rentnerin und ihre Kinder sind bereits groß. Doch Rita hat ein, wenn auch schönes – wie sie selbst sagt – so doch auch nicht leichtes Leben bisher gehabt. In den 80igern hat sie ihren Mann verlassen. Ihr Töchter waren damals noch Baby und Kleinkind. Sie war völlig mittellos und musste sich seitdem durchkämpfen. An allen Ecken hat sie für ihr Handeln und ihre Geschichte Diskriminierung erlebt. Aber warum und wofür eigentlich? Rita wurde politisch. Aber nicht nur das. Sie erzählt was diese Erfahrungen aus ihr und ihren Töchtern gemacht haben. Denn auch Weniges, kann man teilen und vielleicht auch viel besser das Wesentliche erkennen? Ritas Töchter haben jedenfalls nichts vermisst und viel für ihr Leben mitgenommen.

    „Mein Muttersein ist geprägt von Vertrauen und sich aufeinander verlassen können. Ich war mit meinen Töchtern ein unglaubliches Team. Ich konnte mich immer auf sie verlassen. Die beiden haben auch ihren Blödsinn gemacht, aber als ich meine Ausbildung zur Krankenpflegerin gemacht habe und Schichtdienst hatte, wusste ich immer, dass sie sich an unsere Verabredungen halten. Ich bin mit ihnen nur zweimal in den Urlaub gefahren, mehr war finanziell nicht drin. Aber sie konnten immer im Garten zelten, ich habe vom Balkon Picknickkörbe runtergelassen und wir haben den Keller als Spielzimmer umgebaut. Wir haben versucht, aus dem bisschen, was wir hatten, ein Abenteuer zu machen. Ich habe ihnen diesen sozialen, toleranten Gedanken mitgegeben, den es in unserer unmittelbare Umgebung erst mal nicht gab: anderen zu helfen, auch wenn man selbst nichts hat. Und das leben sie auch heute noch.

    Eine von ihnen sagte neulich: ,Wir konnten uns nicht viel erlauben, aber wir hatten eine schöne Kindheit ,Mama‘, und das ist für mich das allergrößte Kompliment.“ 

    Als Rita mit 22 Jahren und ihren beiden kleinen Töchtern (drei Jahre und sechs Monate alt) ihren Mann verlässt und zu den Eltern zurückzieht, gab es Gegenwind von allen Seiten. „In den 80er Jahren in einen erzkatholischen 25.000 Seelenort zurückzugehen, war zu der Zeit etwas anderes, als in Berlin oder Köln zu leben.“ Es war ihre Entscheidung gewesen, so früh zu heiraten. Sie war die erste in der Familie, die nicht schnell wegen einer ungewollten Schwangerschaft unter die Haube musste. „Für mich war die Ehe der Ausbruch aus einem engen Familienkorsett. Aber ich war ja mit Anfang 20 noch nicht fertig. Mein Mann und ich haben uns einfach auseinandergelebt.“

    Nach der Trennung wohnt sie zunächst  in ihrem alten Kinderzimmer, die Eltern schämen sich ihrer Tochter in Grund und Boden. Eine Wohnung zu finden? Fehlanzeige. „Wenn ich am Telefon angegeben habe, dass ich gerade Hausfrau bin, wurde ich nach dem Beruf meines Mannes gefragt. Und wenn ich sagte, dass wir getrennt sind, war das Thema sofort durch.“ 

     

    Als sie dann endlich durch Kontakte eine Wohnung findet, kommt das nächste Problem. Mit 750 Deutsche Mark Unterhalt für drei Personen kommt man nur schwer durch. Aber wie soll man arbeiten, wenn der Kindergarten von 9 – 12 und 14 – 17 Uhr geöffnet hat? 

    „Meine Mutter hatte ein Geschäft und konnte mir bei der Kinderbetreuung nicht helfen. Sie wollte auch nicht, denn ich hatte mich ja getrennt. Also, war ich ja schuld.“

    Als sie dann einen Job angeboten bekommt und dreimal die Woche in einer Diskothek nachts Bier zapft, während ihre Töchter bei den Großeltern schlafen, schwärzt eine Nachbarin Rita beim Jugendamt an. „Uns kam zu Ohren, es laufen nackte Männer durch die Wohnung“, sagte die junge Sachbearbeiterin, die unvermittelt vor der Tür steht. Und auch wenn die Dame beim Anblick des Kinderzimmers und dem Rest der Wohnung nichts auszusetzen hatte, folgten zwei Jahre lang unangekündigte Besuche vom Amt.

    „Das hat mich unglaublich politisiert. Ich bin für alles auf die Straße gegangen: Für die Rechte der Alleinerziehenden, für andere Öffnungszeiten der Kindergartenzeiten oder gegen die Atomkraftwerke. Ich habe politische Büttenreden im Karneval gehalten und würde heute sofort wieder ein Bettlaken bemalen und auf die Straße gehen. Ich habe selbst an allen Ecken Diskriminierung erlebt, und reagiere darum auch so allergisch darauf. 

    Die Würde des Menschen ist doch unantastbar.“ So steht es im Grundgesetz. Aber was ist Würde? Und wie schnell wird sie einem im Alltag genommen. Ganz nebenbei.

    Das jahrelange Kämpfen zollt seinen Tribut. Rita ist Frührentnerin, leidet unter Depressionen und Angstzuständen. Ihre Eltern sind jetzt knapp 80 Jahre und fangen langsam an, Rita zu akzeptieren. 

    Aber auch aus dem Frührentnersein kämpft sie sich raus, arbeitet, wenn es ihr möglich ist, und versucht, die psychischen Wunden zu heilen. „Mein Leben bisher war schön. Ziemlich anstrengend, aber schön. Ich lebe jetzt von 750 Euro Frührente. Das ist das Nächste, wofür ich auf die Straße gehen werde. Wo bleibt denn da die Würde?“

    Es gibt so viele unterschiedliche Mütter: junge Mütter, alte Mütter, reiche Mütter, arme Mütter, Vielfachmütter, glückliche Mütter, berufstätige, arbeitslose, gelassene, optimistische, frustrierte, kranke, abenteuerlustige, kämpferische, zwiegespaltene, enttäuschte, erfüllte, alleinerziehende … einfach unendlich viele Mütter. Alle verbindet eins: Das Muttersein.
    Auf der Suche nach persönlichen Geschichten reiste unsere Co- Founderin & Autorin Tanya Neufeldt mit dem Fotografen Mujo Kazmi quer durch Deutschland. Entstanden sind einzigartige Geschichten von großartigen Frauen für eine Zukunft voller Zuversicht.
    Die Erlöse aus dem Buchverkauf kommen Care Forward zugute, einem Programm für geflüchtete Frauen, das Care.com 2017 gemeinsam mit International Rescue Committee (IRC) ins Leben gerufen hat. Im Rahmen dessen besuchen Frauen im Alter von 16-69 Jahren Berufsorientierungskurse mit dem Ziel, sich anschließend zur Altenpflegerin, Erzieherin oder Krankenschwester ausbilden zu lassen, in der Kinderbetreuung oder als Haushaltshilfe zu arbeiten. Bereiche, für die in Deutschland dringend Fachkräfte gesucht werden. Die Kursteilnahme ist für die Frauen kostenlos.
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    Fotos: Mujo Kazmi
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    Tanya liebt das Reisen und den Blick aufs Meer. Zu ihrem Glück ist auch ihr Sohn ein Reisekind. Sie hat viel im Ausland verbracht, jahrelang vor der Kamera gestanden, den Blog “Lucie Marshall” ins Leben gerufen und Bücher geschrieben. Am wohlsten fühlt sie sich beim kochen mit einem Minimum von 10 Menschen und 2 Katzen um sie herum.

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