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    Familienleben in der Ferne
    Auswandern nach Portugal – Christine liebt und lebt Achtsamkeit und Nachhaltigkeit mit Blick aufs Meer

    Die Familie einfach schnappen und weg. Einfach auswandern. Raus aus dem Alltag, dem beruflichen Hamsterrad, raus aus Deutschland. Wer hatte den Gedanken nicht schon mal, wenn einem alles stinkt? Die einen stehen am nächsten Morgen einfach wieder auf, schütteln sich kurz und machen weiter wie bisher. Die anderen trauen sich, packen die Koffer und lassen ihr altes Leben hinter sich.

    Corona hat die Welt bisher ordentlich durchgerüttelt, aber unser Fernweh bleibt. Wir fragen auf der ganzen Welt nach, ob das Gras auf der anderen Seite wirklich grüner ist, wie viel Herausforderung und wie viel Chance in einer solchen Entscheidung steckt und welche wichtigen Erkenntnisse wir Zurückgebliebene auch in der Heimat umsetzen können. 

    Christine ist verheiratet, Mama von zwei Kindern im Alter von vier und sechs Jahren und lebt in Portugal. Sie ist selbstständig und hat vor zwei Jahren ihre Firma ReUse Heroes gegründet, um die Einwegverpackung für unterwegs überflüssig zu machen. Entstanden sind schön designte und hochwertig gefertigte Kaffeebecher, Trinkflaschen und Essensverpackungen. Damit ist es umso einfacher, Menschen weltweit zu inspirieren und zum Umdenken zu bewegen, von Einweg auf Mehrweg umzusteigen.

    Was hat euch dazu veranlasst, auszuwandern, bzw. für eine Zeit lang ins Ausland zu gehen? 

    Christine: Mein Wunsch am Meer zu leben. Am liebsten in einem Haus mit Meerblick. Wir haben auf einer Reise, als meine Tochter Carla gerade acht Monate alt war, einige Tage auf Madeira verbracht, auf einer Obstplantage direkt am Fuße eines gewaltigen Massivs in einem kleinen Haus über den Klippen. Wir hörten das Meer mit jeder Welle und lautem Getöse an die Felsen rollen. Alle Zimmer, selbst die Küche hatte Meerblick. Da ich sehr gerne viel Zeit mit Kochen und Zubereiten von Essen verbringe, war für mich die Idee geboren, diesen Ausblick für länger als nur einen Urlaub zu haben. Ich plante mit einem Jahr Elternzeit bzw. Sabbatical für meinen Mann. Der brauchte vorher fast genauso lang, um sich mit der Auszeit anzufreunden. Die Vorstellung seinen Job zu verlassen, bei dem er sich unabkömmlich fühlte, war schwierig für ihn, haha.

    Warum gerade Portugal?

    Christine: Als mein Ehemann dann soweit war, haben wir angefangen, zu überlegen, in welchem Land wir dieses eine Jahr Auszeit verbringen wollen. Zunächst schwebte uns Madeira vor. Allerdings ist Madeira sehr weit vom Festland Europa weg und sehr bergig, so dass uns ein Leben mit Kleinkindern nicht sehr komfortabel erschien. Es sollte ein Land in Südeuropa sein wegen des angenehmen Klimas. Am besten ein Land, in dem man auch mit Englisch gut durchkommt. Daher fielen Frankreich, Italien, Spanien raus. In Portugal waren wir schon oft im Urlaub, und Mentalität, Menschen, Küche und Landschaft hatten uns immer sehr gut gefallen. Ein großes Plus ist natürlich auch die tolle Hauptstadt Lissabon. Durch eine kleine Erkundungstour fanden wir einen wunderbaren Ort – und nach einer intensiveren Suche auch das Haus mit Meerblick.

    Gab es ein bestimmtes Lebensmodell, das ihr für euch ausprobieren wolltet und warum? Sollte sich irgendetwas ändern und dringend anders werden als bisher? Welche Erwartungen und Ansprüche hattet ihr ans Auswandern?

    Christine: Mein Bedürfnis war die Nähe zur Natur. Ich fühlte mich in Berlin-Mitte mehr und mehr ‘eingesperrt’. Keine Weite, nur Ausschnitte des Himmels, kein Sonnenuntergang oder -aufgang. Jedes Wochenende wollte ich einen Ausflug ins Grüne machen oder an die Ostsee, was natürlich nicht realisierbar war. Dazu kam, dass wir mehr Zeit als Familie verbringen wollten. Jan-Philip war meistens 10 bis 11 Stunden außer Haus. Sein Job war nur noch eine Pflichterfüllung als Ernährer. Auch er wollte sich beruflich neu orientieren.

    Was war die Herausforderung des temporären „Auswanderns“ mit Kindern?

    Christine: Wir hatten sehr viel vorzubereiten. Damit waren wir mehrere Monate beschäftigt. Die größten Baustellen waren: Untervermietung unserer möblierten Wohnung in Berlin. Es war sehr schwierig, jemanden zu finden, der eine Familienwohnung übernehmen wollte. Für die meisten Interessenten war sie entweder zu groß oder zu klein. Nicht ganz so einfach war auch die Suche nach dem Haus in Portugal. Das lag aber eher an unseren Ansprüchen. Überraschend war auch die sehr negative Reaktion des Chefs meines Mannes. Er hatte überhaupt kein Verständnis für den Wunsch nach der Auszeit. Sehr einfach war es, die Kitaplätze zu halten, da wir genau ein Kitajahr eingeplant hatten.

    Wenn man nicht selbst in dem Projekt drin steckt, scheint allein der Gedanke daran schon zu überfordern. Mit Sicherheit gab es einige Probleme. Aber welche Chancen habt ihr darin für euch als Familie gesehen? Haben sich alle Erwartungen mit dem Auswandern erfüllt? 

    Christine: Wir hatten geplant, das Jahr Auszeit als sehr intensive Familienzeit zu gestalten. Also wir vier die ganze Zeit zusammen und somit im starken Gegensatz zu unserem Leben in Berlin, wo beide Kinder bereits mit elf Monaten in die Kita eingewöhnt wurden. Wir haben sehr unterschätzt, dass die ganze Zeit zusammen zu sein, sich für die Kinder wie ein Dauerurlaub anfühlen würde und wir folglich 24 Stunden für sie zur Verfügung standen. Das hat für uns als Eltern überhaupt nicht funktioniert. Wir waren relativ schnell genervt. Daher haben wir schon nach drei Wochen (hihi) nach einer Kinderbetreuung gesucht. Wir hatten wahnsinniges Glück und konnten die Kinder in eine neu gegründete Forest School schicken. Dennoch war die Eingewöhnung für beide Kinder schwierig. Denn es war alles auf Englisch und Portugiesisch.

    Wir als Ehepaar haben uns noch einmal komplett neu kennengelernt und sehr weiterentwickelt. Was wir auch festgestellt haben, ist, wie sehr wir auf der Suche nach dem Zweck unserer Existenz auf dieser Erde sind. Der Raum, in den wir gezogen sind, ist sehr ländlich. Es gibt wenig Einkaufs- und Gastronomiemöglichkeiten. Die Befreiung von dem Überfluss an Konsummöglichkeiten hat uns die Möglichkeit eröffnet, viel reflektierter und klarer zu denken. Wir haben Meditation und Achtsamkeit für uns entdeckt. Daraus ist letztendlich auch die Idee für ReUse Heroes entstanden.

    Unsere Erwartungen wurden mehr als übertroffen. Die Nähe zur Natur tut so gut. Unsere Kinder haben einen sehr natürlichen Umgang mit Pflanzen und Tieren. Sie lernen so viel. Unser Sohn hat den Unterschied zwischen Stadt und Land genau mitbekommen.

     

    Ihr seid Gründer, Teilzeit Auswanderer und Eltern. Da kommen so viele Dinge und auch viel Neues zusammen, was der beruflichen und familiäre Alltag als Berufstätige in einem anderen Land mit sich bringt. Wie kann ich mir euer Leben und euren Alltag vorstellen? Wie lebt ihr Vereinbarkeit?

    Christine: Gründen ist hart, mit vielen Hochs und Tiefs verbunden, egal ob in Berlin-Mitte oder an der Traumküste von Portugal. Aber wir haben natürlich nicht nur unser Leben in Berlin zurückgelassen, sondern auch das Arbeitsleben, so wie wir es kannten. Mit der Sicherheit und Einschränkung (meine ganz persönliche Sicht) eines Angestelltenverhältnisses. Wir hatten beide sehr gut bezahlte Jobs mit Verantwortung. Aber für mich war schon nach der Geburt meines Sohnes klar, dass ich mich beruflich weiterentwickeln möchte. Es sollte etwas sein, das die Welt besser macht und nicht schlechter oder die Umwelt für kurzfristigen Nutzen und Profit noch weiter zerstört.

    Deswegen war meine Businessidee oder mein Einzelunternehmen schon am Laufen, bevor wir losgegangen sind. Das hat natürlich sehr geholfen, da ich einfach weitermachen konnte. Mein Ehemann hat sich um die Kinder und den Haushalt gekümmert. Konkret hieß das, dass er mit den Kindern für ein paar Stunden am Vormittag etwas unternommen hat und ich in der Zeit gearbeitet habe.

    Beruflich hatten wir in Portugal kaum Berührungspunkte, da die Kunden und das Business in Deutschland sind. Der Unterschied war hauptsächlich die Gestaltung des Alltags als Familie. Zum Arbeiten habe ich vor Ort nur einen Internetzugang benötigt. Die Vereinbarkeit ist auf diese Weise viel einfacher, weil ich mir flexibel die Arbeitszeit einteilen kann. Wenn wir Urlaub machen wollen, machen wir das. Wenn wir einen Tag keine Lust haben zu arbeiten, machen wir das. Diese Freiheit ist für mich unbezahlbar.

    Aber als Paar haben wir die gleichen Streitereien: Wer macht was? Wann und wie macht er/sie es? Wer ist für die Familienorganisation zuständig? Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mein Mann bis heute nicht verstanden hat, was es für Mütter bedeutet, diesen ganzen Mental Load im Kopf zu haben.

     

     

    Wie ist die Lage eigentlich in Portugal? Gibt es die klassische Rollenverteilung oder arbeiten Mütter vielleicht sogar kurz nach der Geburt schon wieder, wie in Frankreich, und die Kinder werden wie selbstverständlich den ganzen Tag fremdbetreut? Habt ihr euch dort einem bestimmten gesellschaftlichen System angepasst oder macht ihr völlig euer eigenes Ding? Und werdet ihr dafür von den Portugiesen eher bewundert oder belächelt? 

    Christine: Es ist interessant. Denn ich kenne von den Portugiesinnen kaum eine, die einer regulären Arbeit nachgeht, sondern die meisten haben ihr eigenes Business oder gemeinsam mit dem Ehemann. In der Regel ist es wohl so, dass die Mütter nach ein paar Monaten wieder zurück in ihre Arbeitsstelle gehen. Die Kinder sind in der Krippe. Es ist recht früh, denn sie müssen dann schon essen können. Die Rollenverteilung ist eher klassisch. Aber ich muss gestehen, dass ich da nicht ganz so viele Einblicke habe.

    Die Gegend, in der wir waren, hat eine sehr große Community an Auswanderern, hauptsächlich aus Mittel- und Südeuropa – Schwerpunkt UK, Deutschland, Holland. Die Locals sind an die  ́Fremden’ gewöhnt. Es gibt aber wenig Berührungspunkte im Alltag, wenn die Kinder nicht in die öffentliche Schule oder Kita gehen. Wir machen also eher unser eigenes Ding. Dabei treffen wir sehr viele Gleichgesinnte. Sind das Portugiesen, dann sind sie in der Regel aus anderen Regionen Portugals zugezogen oder waren selbst im Ausland.

     

    Ihr habt beide Unternehmen im nachhaltigen Bereich gegründet. Kannst du uns kurz beschreiben, worum es geht und was euch an dieser Arbeit so wichtig ist?

    Der Schutz der Umwelt, unserer aller Lebensgrundlage, und damit der Schutz für uns selbst, ist für mich das wichtigste Anliegen meiner Tätigkeit. Das musste ich dann aber irgendwie in ein Geschäftsmodell umwandeln. Daher hat mich der rasch wachsende To-Go-Markt mit seinem Einwegwahnsinn inspiriert, Alternativen zu bieten. Und die einzige sinnvolle Alternative ist Mehrweg. Dabei ist Inspiration und Informationsvermittlung das Wichtigste. Denn ich war selbst ein Nutzer von vielen Pappbechern für den täglichen Kaffee unterwegs. Daraus ist unsere Produktpalette entstanden, die sich immer weiterentwickelt.

    Vielen Dank, dass wir in dein Leben hineinschauen durften. Diese Perspektivwechsel sind viel Wert, denn die Entscheidung für ein erfülltes Leben muss nicht direkt mit Auswandern und dem Verlassen der Heimat einhergehen. Was kannst du aus deiner Sicht einer Frau, Mama, Familien mit auf den Weg geben, was ihr in Portugal jetzt anders macht? Was kann sich jede Familie generell noch mal bewusst vor Augen führen und für sich selbst verbessern? 

    VON MIR FÜR DICH

     

    Lebe im Moment. Es klingt so abgedroschen. Aber in unserem normalen Leben in Deutschland leben wir in der Zukunft, nicht in der Gegenwart. Verbringe Zeit in der Natur. Pflanze etwas. Es erdet im wahrsten Sinne des Wortes. Hör in dich hinein, was DU wirklich brauchst. Mach dich frei von dem Konsumwahnsinn und auch hier: Höre in dich hinein, was DU wirklich möchtest. Fange an zu meditieren. Dies kann der Anfang zu einer ganz neuen Lebenseinstellung sein. Finde heraus, was dein ‘Reason to exist’ ist.

    Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien bereits Ende 2019.

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