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    Teenager Pubertät

    Warum Eltern in der Pubertät ihrer Kinder öfter mal chillen sollten
    Im Gespräch mit Matthias Jung legt sich die Angst vor der Pubertät

    “Ich haaaaaasse dich!” – schreit es durch das gesamte Haus, eine Tür knallt, an ihr wackelt noch das Schild mit der Aufschrift “Zutritt verboten”, dann dröhnt lautstark Musik durch das Haus. Pubertät. Szenenwechsel. Mutter und und ihre etwa 16-jährige Tochter sitzen an einem Tisch in der Außengastronomie eines Cafés. Sie wirken wie Freundinnen, teilen sich eine Waffel, lachen, scherzen, necken sich sehr liebevoll. Immer wieder zeigt die 16-Jährige ihrer Mutter ihr Handy und fragt “Was schreib ich ihm denn jetzt?”. Die Mutter hilft bei der Formulierung, wieder lachen beide. Die abgesendete Nachricht feiern sie, indem sie schwesterlich das letzte Herz ihrer Waffel teilen. Auch die Pubertät?

    Hat sich die Pubertät verändert? 

     

    “Nein”, sagt Matthias Jung, Diplom-  und Spaßpädagoge und Buchautor. Denn zum einen gibt es innerhalb der Pubertät verschiedenen Phasen, zum anderen ist aber auch entscheidend, wie Eltern ihr Kind in dieser Zeit begleiten und behandeln. “Die Pubertät an sich macht schon Sinn. Es ist ein notwendiger Prozess der Abnabelung. Wie intensiv das ausfällt, ist natürlich von dem Kind und den Eltern abhängig. Manche haben gefühlt keine Pubertät, manche Kinder darin weniger, manche große Probleme”, sagt Jung.

    Die Kinder wollen ihr eigenes Ding machen

    Sein Sohn steht mit zehn Jahren gerade mit einem Zeh in der Vorpubertät. Die, so der Pädagoge, äußert sich ein immenses Gerechtigkeitsbedürfnis. Das ist normal und das ist gut so. “Alles wird in Frage gestellt, die Kinder sind oft dagegen. Als Eltern kriegt man schnell das Gefühl, dass man nichts mehr sagen darf”, sagt Jung und lacht. Denn das ist erst der Anfang. Das dicke Ende, das folgt im Kern der Pubertät so circa mit 14 Jahren. “Die Kinder brauchen uns dann nicht mehr und wollen ihr eigenes Ding machen.” 

    Pubertät Teenager Eltern

    Früher verließen Jugendliche in diesem Alter das Elternhaus und gründeten ihre eigenen Familien. Im 21. Jahrhundert ist das undenkbar, dennoch ist Selbstständigkeit wichtig und die Rebellion notwendig. “Ich erlebe bei meinen Vorträgen und in unserer Facebook-Gruppe oft, dass dieses Verhalten auf die Hormone geschoben wird und die tragen natürlich auch ordentlich dazu bei. Doch ganz so einfach ist es nicht.”

    Eltern müssen lernen, ihren Kindern mehr Freiräume zu geben

    Denn auch Eltern müssen in dieser Zeit eine Entwicklung durchleben und lernen, ihren Kindern mehr Freiräume zu geben, ihnen Vertrauen zu schenken und sie nicht zu sehr zu kontrollieren. “Ich rate Eltern immer, dass sie sich selbst mal ein bisschen rar machen sollen. Denn dann kommen die Kinder schon von ganz allein”, sagt Jung.

    So kann im Auslauf der Pubertät, in der milden Endphase, vielleicht wirklich ein Freundschaftliches Verhältnis entstehen. Doch auch das darf nicht erzwungen werden. “Nur um später eine Freundschaft zum Kind pflegen zu können, sollten sich Eltern auch in der Pubertät nicht vor einem Nein scheuen, wenn es angebracht ist.”

    Nicht jeder Konflikt muss geführt werden

    Man könne sich aber sehr wohl fragen, ob denn jede Auseinandersetzung gesucht und geführt werden müsse. “Ich würde die Schlachtfelder begrenzt halten und die Konflikte führen, die wirklich wichtig sind. Ob das zwangsläufig das nutellaverschmierte Messer in der sauberen Spülmaschine ist, weiß ich nicht. Wäre es für mich dann vielleicht eher nicht.” Bei vielen Teenagerwünschen, wie aufgespritze Lippen oder Tattoos, greift auch der Gesetzgeber ein.

    Falls nicht, hilft manchmal auf eine kreative Brücke, um die Situation zu entschärfen. “Man kann zum Beispiel ein Bild vom Wunschtattoo aufhängen und vereinbaren, dass man in einem Jahr darüber spricht, wenn der Wunsch noch immer da ist. Es sei denn es soll der “I love you mum”-Schriftzug sein. Dann gehts direkt ab zum Tattoowierer”, scherzt Jung.

    Die Basis der ersten zehn Jahre ist entscheidend

    Generell entscheidet in der Pubertät die Basis, die in den ersten zehn Jahren gelegt wurde, ist sich Jung sicher. “In der Zeit müssen Werte vermittelt, Organisationen und Strukturen gelernt werden. Auch Grenzen sollten klar gesteckt werden, sonst sind unsere Kinder als Erwachsene lost.”

    Pubertät Teenager Eltern

    Jung ist ein Fan vom Ansatz der Pädagogen Jesper Juul und dessen Idee viel zu sprechen, auch wenn es zu simpel klingt. “Damit kann man tatsächlich vielen Konflikten mit Teenagern aus dem Weg gehen”, sagt Jung und erzählt, dass ihm immer wieder Eltern von großen Streitigkeiten im Urlaub berichten. “Sie haben ihre Teenager an Traumorte mitgenommen und die wollen lieber im Hotelzimmer chillen. Aber das ist ganz normal. Nicht umsonst sind chillen und netflixen die bekanntesten Wörter rund um die Pubertät.”

    Ein Gespräch im Vorfeld, welche Erwartungen alle Reisenden an den Urlaub haben und was sie dort erleben wollen kann helfen. “Außerdem können Eltern den Rückzug der Kinder in der Pubertät auch als Chance für sich selbst sehen anstatt am Rockzipfel ihrer Eltern zu hängen. Endlich wieder mehr Zeit. Endlich ohne Babysitterorganisation etwas ohne Kinder unternehmen. Das ist doch toll.”

    Mit manchen Dingen kennen sich die Kinder besser aus

    Hinzu kommt, dass wir als Eltern akzeptieren müssen, dass unsere Kinder von manchen Sachen sogar mehr Ahnung haben als wir selbst. Das Internet ist ein gutes Beispiel. “Digitale Themen verunsichern uns selbst total. Aber anstatt alles pauschal zu verbieten, sollten wir uns damit auseinandersetzen. Das bedeutet viel Arbeit, keine Frage.” 

    Pubertät Teenager Eltern

    Jung rät neben einer kontrollierten Einführung und Begleitung am Anfang sich auch mal Dinge anzuschauen. Bevor ich zum Beispiel ein Videospiel verbiete, weil ich Videospiele per se blöd finde, könnte ich einfach mal mitspielen und mir anschauen, von was für einem Spiel die Rede ist. “Auch die Medienzeit selbst kann sich mit dem Alter der Kinder entwickeln. Mein Sohn diskutiert zurzeit einmal die Woche mit mir, dass er mehr Zeit braucht.”

    Der Schauplatz der Pubertät hat sich ins Internet verlagert

    Und das mag auch so sein, denn es hat sich nicht die Pubertät selbst, sondern vielmehr ihr Schauplatz verändert. Der Schulhof von vor 20 Jahren ist heute das Netz und die Pandemie verstärkt diese Entwicklung. “Das ist derzeit oftmals die einzige Möglichkeit die sozialen Kontakte zu pflegen und das geht nicht nur uns so.” Verstehen wir als Eltern diese Bedürfnisse unserer Kinder nicht und akzeptieren nicht, dass sie sich in der Pubertät abnabeln müssen, sind unermüdliche Konflikte vorprogrammiert. “Das Netz ist ja nicht per se böse. Es gibt dort auch viel Gutes und auch unsere Kinder dürfen neugierig sein.”

    Denn auch Neugierde, die Entdeckung der eigenen Sexualität und neuer Interessen gehört dazu. “Bei uns ist die sexuelle Aufklärung gut gelaufen. Ich habe so viele neue Informationen erhalten”, sagt Jung und lacht. Natürlich müsse man auch vorsichtig sein, das stehe ja außer Frage. Aber die Pubertät hilft eben auch bei der Persönlichkeitsentwicklung und die sollte nicht zu sehr limitiert werden.

    Kinder pubertieren nur, wenn sie sich wohl fühlen

    Dass sich Eltern in der Pubertät fragen “Oh Gott, wer ist das Kind und was habe ich falsch gemacht?” ist übrigens vollkommen normal. Es ist einer der häufigsten Sätze, die Eltern gegenüber Jung über die Pubertät äußern. Für die Kinder selbst ist dieser Prozess auch sehr kräftezehrend und wirkt oft verunsichernd.

    “Übrigens ein Phänomen, das man im ersten Lockdown beobachten konnte. Das war so merkwürdig und wir alle waren unsicher. Diese Unsicherheit hat uns gelähmt – und unsere Kinder. Viele Teenager haben einen Schritt zurück gemacht, sich wieder mit dem alten Lego beschäftigt und aktiv die Nähe zu den Eltern gesucht. Sie sind eben auch noch Kinder und rebellieren nur, wenn sie sich wohlfühlen. Rebellion ist also ein gutes Zeichen.”

    Die Aufgabe für uns als Eltern ist es also unsere Kinder tolerant durch die Pubertät zu geleiten. An Regeln festzuhalten, wenn es wichtig ist, sich im Zweifel nicht vor einem Nein zu scheuen, die Kinder loszulassen und ihnen Vertrauen zu schenken und ansprechbar zu bleiben. “Ich denke, das ist wirklich das Wichtigste. Wir müssen unseren Kindern nicht nur sagen “Du kannst immer zu mir kommen.”, sondern es auch so meinen”, sagt Jung. Dafür müssen wir als Erwachsene dann den Rahmen wahren und nicht direkt mit Vorwürfen loslegen. Wir können unseren Kindern so viel besser eine Orientierung geben “und lieber im Nachklang nochmal ansetzen. Am besten mit Humor.” 

    Am wichtigsten ist oft, als Eltern die Angst ein Stück weit über Bord zu werfen. “Wenn ich in den ersten 10 Jahren alles richtig gemacht habe, kommen die Kinder wieder und es kann ein freundschaftliches Verhältnis nach der Pubertät entstehen.

    Matthias Jung hat bereits zwei Spiegel Bestseller Bücher über die Pubertät geschrieben. Sein Buch “Dein Ernst Mama? So peinlich kommen wir nicht mehr zusammen - das Pubertätsbuch für Eltern.” gilt als eines der humorvollsten Werke über die Pubertät. Aus seinem Buch “Chill mal!: Am Ende der Geduld ist noch viel Pubertät übrig.” hat er ein Kabarett geschrieben, mit dem er durch Deutschland tourt. (Coronabedingt wurden die meisten Termine verlegt). Gerade schreibt Jung an seinem dritten Buch über die Vorpubertät, welches im April erscheinen soll.

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