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    Wir müssen über postnatale Depression reden!
    Caroline erzählt uns ganz offen die Geschichte ihrer Wochenbettdepression. Wenn nach der Geburt statt Wolkenschloss ein schwarzes Loch auf dich wartet.

    Ich hatte keine Angst. Keine Zweifel. Keine Zweifel, dass ich das nicht schaffe. Wir es nicht schaffen.

     

    Obwohl die Schwangerschaft nicht so locker war, wie ich mir das gewünscht und vorgestellt hatte, blieb ich positiv gestimmt, was die Geburt anging. Ich hatte Vorbereitungen getroffen. Viel gelesen. Über die Schwangerschaft, die Geburt, die erste Zeit danach. Hypnobirthing. Wir haben einen Geburtsvorbereitungskurs im Krankenhaus unserer Wahl besucht. Im letzten Drittel habe ich einen gefühlten Hektoliter Himbeerblättertee getrunken. Noch mehr Bücher gewälzt. Das Kapitel «Kaiserschnitt» immer übersprungen. Alles sollte so natürlich wie möglich werden.

     

    Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, als ich an meinem errechneten Geburtstermin auf der Liege der Frauenklinik lag, ohne jegliche Anzeichen, dass die Geburt bald losgehen könnte. Ja, ich war müde. Ja, ich hatte es satt, schwanger zu sein. Die unerträglichen Rückenschmerzen, die mich ein halbes Jahr lang so manche Stunde Schlaf gekostet hatten, trieben mich um. Ein Harnwegsinfekt war noch nicht abgeheilt. Aber ich hatte keine Angst. Bis genau zu diesem Zeitpunkt: «Ui, Ihr Baby ist ja riesig! Und es wird jeden Tag, an dem es noch drinnen ist, schwerer.» So der leitende Oberarzt mit in Falten gelegter Stirn. Maximal zehn Tage über den Termin würden sie warten. Wenn sich das Baby dann nicht von allein auf den Weg macht, würden sie es holen. Vielleicht aber auch schon vorher. Man könne sich natürlich auch selbst jederzeit für eine Einleitung entscheiden. Käme ja schließlich nicht darauf an. Außer eben, dass das Baby mit jedem Tag drinnen noch schwerer wird. Und so hat alles angefangen.

     “Im Nachhinein ist es die Entscheidung, die ich am meisten bereue in meinem Leben. Aber ich wusste es halt nicht besser.”

    Bei ET+4, nach etlichen natürlichen wehenanregenden Maßnahmen wie Eipolablösung, Akupunktur, Wehentee usw., wurde die vaginale Einleitung gestartet. Auf unseren Wunsch hin. Ohne Gegenwehr der Frauenklinik, sondern eher mit Zuspruch. Im Nachhinein die Entscheidung, die ich am meisten bereue in meinem Leben. Aber ich wusste es halt nicht besser.

     

    Die darauffolgende Geburt lässt sich mit einem Wort beschreiben: Horror. Das «So natürlich wie möglich» hatte ich ja eigentlich bereits mit der medikamentösen Einleitung über Bord geworfen. Knapp 24 Stunden später ging es los. Von Null auf Hundert. Nach ein paar Stunden habe ich nur noch nach einer PDA gebettelt. Wieder ein paar Stunden später wurde sie zurückgefahren, wieder Wehenmittel gespritzt, da sich das Baby in die hintere Hinterhauptslage gedreht hatte und nicht ins Becken rutschte, obwohl der Muttermund vollständig geöffnet war. Ich habe alles gegeben. Positionen ausprobiert, die mit zwei betäubten Beinen eigentlich kaum möglich sind. Es half nichts. Kurze Zeit später war der ganze Raum voller Ärzte, die sich einig waren, dass das Baby per Kaiserschnitt geholt werden müsse. Ich hatte solche Angst. Im Operationssaal war es eiskalt. Ich habe so stark gezittert, dass man mir beide Arme im rechten Winkel vom Körper weg auf dem Operationstisch befestigt hat. Mir war speiübel. Das grüne Tuch vor mir, das den unteren Teil meines ausgelieferten Körpers vor meiner Sicht abschirmte, bekam von der anderen Seite immer mehr Blutspritzer ab. Ich hatte keine Schmerzen, aber das Gefühl von Fremdeinwirkung auf meinen Körper und das Wissen, schutzlos ausgeliefert zu sein, werde ich nie mehr vergessen.

    Mein Sohn wurde am 7. Februar 2018, um 9:34 Uhr, geboren. Ganz kurz haben sie ihn vor mein Gesicht gehalten, ich habe ihn kaum sehen können. Dann weiß ich nichts mehr.

    Das, was folgte, waren Schmerzen. Unglaubliche Schmerzen. Den Moment, als ich meinen Sohn das erste Mal auf meiner Brust hatte, den Moment, den ich mir so viele Wochen vorgestellt hatte, konnte ich nicht genießen. Ich war da, aber ich wusste nicht, wie ich da hingekommen war. Mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Ich wusste nur, dass ich nicht tot bin, weil alles an mir schmerzte. Jede kleinste Bewegung trieb mir die Tränen in die Augen. Ich konnte nicht allein zur Toilette, nicht selbst essen. Und da war doch noch mein kleiner Sohn. Ich sollte mich doch um ihn kümmern. Überglücklich sein, dass er endlich da ist. Aber für diese Gefühle gab es keinen Platz in mir. Da war nur eins: Trauer.

    Aber wie sollte es zu Hause nun weitergehen?

    Nach fünf Tagen wurden wir – gegen meinen Willen – aus dem Krankenhaus entlassen. Das sei halt so. Fünf Tage seien das Maximum. Ich hatte keine Ahnung, wie ich zuhause mein Baby und mich versorgen sollte. Mein Partner musste wieder zur Arbeit. Sein Tag «Vaterschaftsurlaub» und sein Überstundenausgleich waren aufgebraucht. Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich ihn brauchte. Er hatte schon so viele Opfer gebracht. Ich denke, das war der Zeitpunkt, an dem ich aufgehört habe, mit ihm über meine Gefühle zu sprechen.

    “Es war mir furchtbar peinlich einzugestehen, dass ich mit der Gesamtsituation überfordert war.”

    An die folgenden Tage zuhause kann ich mich kaum erinnern. Ich fühlte mich wie ein Geist und mein Körper war bloß eine Hülle. Eine sehr verletzte, schmerzende Hülle. Immer und immer wieder habe ich mir gesagt, dass ich funktionieren müsse. Meines Babys wegen. Doch eigentlich hatte ich dazu gar keine Kraft. Ich konnte nichts essen, kaum schlafen. Und hatte Schmerzen. Ja, eigentlich wünschte ich mir, nicht mehr da zu sein. Die Hebamme, die mich zuhause besuchte, schaute dem Ganzen fünf Tage zu, bis sie mich wieder ins Krankenhaus einwies. Ich habe nur noch geweint. Es war mir furchtbar peinlich einzugestehen, dass ich mit der Gesamtsituation überfordert war. «Hallo, da bin ich wieder! Ich hab’s nicht auf die Reihe gekriegt!» Ich wollte mich immer erklären, suchte selbst nach der Ursache, weshalb es mit mir soweit gekommen ist. Der Wunsch und das dringende Bedürfnis, alles richtig machen zu wollen, überrollte mich immerzu wie eine Riesenwelle. «Jetzt reiß dich mal zusammen, das bist du deinem Kind schuldig! Du musst jetzt alles richtig machen!», sagte mir meine innere Stimme immer wieder. Zuzugeben, dass etwas nicht stimmt, erweckte in mir das Gefühl von noch größerem Versagen.

    Dann die Diagnose: Postnatale Wochenbettdepression

    Ich musste mit vielen Ärzten sprechen. Mit Psychologen und Psychiatern. Und sie waren sich einig: Das hier ging weit über einen Babyblues hinaus. Postnatale Wochenbettdepression.

    Nochmals zehn Tage habe ich im Krankenhaus verbracht. Mit meinem Sohn. Ich musste zur Therapie und bekam Antidepressiva. Ich konnte Probetage und eine Probenacht zuhause verbringen, mit dem Wissen, dass ich wieder zurück ins Krankenhaus durfte. Ich konnte meinen Sohn in der Nacht für einige Stunden abgeben, um zu schlafen und so langsam meine Batterien wieder zu laden. Und ich konnte Hilfe annehmen, was rückblickend wohl das Wichtigste war. Hilfe zulassen. Die Einsicht siegte über den Stolz.

     

    Ich konnte schon viel von dem Geburtstrauma und der Zeit danach aufarbeiten. Im Gespräch mit meinem Therapeuten und meinem Umfeld und auch allein. Die Antidepressiva habe ich nach einem halben Jahr abgesetzt. Zur Therapie gehe ich immer noch. Ein Jahr lang ist mein Partner in der Nacht aufgestanden, wenn der Kleine mal geweint hat (was zum Glück nicht sehr oft der Fall war), damit ich schlafen konnte.

    Darüber zu sprechen, ist mein Schlüssel auf dem Weg der Besserung

    Ich denke, es ist wichtig, dass über dieses Thema gesprochen wird. Dass sich die Leute bewusst werden, dass nicht jede frischgebackene Mutter freudestrahlend aus dem Krankenhaus mit ihrem neugeborenen Baby auf dem Arm geschwebt kommt. Dass die Ursachen für eine postnatale Depression so vielfältig sind wie die Frauen, die daran leiden. Und dass der eine Grund dafür nicht triftiger oder gerechtfertigter ist, als der andere. Und: Es hat nichts damit zu tun, dass du keine gute Mutter bist, wenn du dich im Sog von negativen Gefühlen wiederfindest! Hol dir Hilfe. Begrab deinen Stolz. Auch wenn es dich sehr viel Überwindung kostet.

     

    Auch jetzt, eineinhalb Jahre nach der Geburt, sind meine Batterien immer noch auf «low». Es reicht gerade so, um den alltäglichen Wahnsinn zu überstehen. Zwei, drei schlaflose Nächte nacheinander reichen aus, um den Energiezeiger in den roten Bereich fallen zu lassen. Aber es wird besser. Mit jeder guten Nacht lädt sich meine Batterie ein bisschen auf.

    Ich hasse es, auch jetzt noch das Gefühl zu haben, mich rechtfertigen zu müssen. Für unsere Entscheidung, dass wir die Einleitung wollten. Meinen misslichen Zustand nach dem Kaiserschnitt und dass ich den so ganz und gar nicht auf dem Schirm hatte. Dafür, dass ich das Stillen nach drei Wochen erfolglos aufgegeben habe. Und dass ich immer noch ein Mal im Monat zum Psychologen gehe. Aber auch das wird besser. Und ich habe jetzt etwas, was ich vor eineinhalb Jahren noch nicht hatte: Optimismus. 

     

     

    WIR HÖREN DIR ZU

    Du willst deine Geschichte mit uns teilen? Du bist auch der Meinung, dass über manche Themen noch viel zu wenig gesprochen wird? Wir möchten dir hier einen Raum für deine Gedanken und Erfahrungen geben. Wir möchten mithelfen, dass du dich nicht weiter ungehört fühlst. Werde Gastautorin auf SOCIAL MOMS und Teil einer Community, die gemeinsam stark ist – Schreib an: redaktion@socialmoms.de

     

     

    Photo by Annie Spratt on Unsplash

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