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    Danke Diagnose Unfruchtbar
    Die Nachricht auf natürlichem Wege nicht schwanger werden zu können, ist ein harter Schlag und macht viel mit den Betroffenen. Für unsere Gastautorin Wiebke war es eine Erlösung

    Wie belastend ein unerfüllter Kinderwunsch sein kann, mussten schon viele Frauen erleben. Sicher kennt jeder von euch jemandem, dem es so erging oder ist oder war sogar selbst betroffen. Ihr ahnt oder wisst daher, wie schmerzhaft das viele Hoffen und immer wieder enttäuscht werden sein kann. Heute schreibt für uns Gastautorin Wiebke Litschke auf wie es ihr damit ging. Und wie erlösend es für sie war, als sie mit der Diagnose unfruchtbar endlich eine Erklärung für das viele unerfüllte Hoffen und Warten bekam.

    Diagnose: nahezu unfruchtbar

    „Die Untersuchungen haben ergeben, dass ihr rechter Eileiter nicht durchlässig ist. Die Ursache dafür ist uns unbekannt. Aber das, was den einen Eileiter lahm gelegt hat, kann auch den noch durchlässigen Eileiter betreffen. Die Wahrscheinlichkeit für sie auf natürlichem Wege schwanger zu werden, ist sehr sehr gering. Wir empfehlen in Ihrem Fall eine künstliche Befruchtung.“

    Uff, die Diagnose musste ich erst einmal sacken lassen. Nahezu unfruchtbar. Puh. Doch der Schlag, der mich traf, war bei Weitem nicht so hart wie erwartet. Denn schnell gesellte sich zu dem Gefühl der Zäsur eine große Erleichterung. Ja, ich fühlte mich erleichtert. Nicht ich machte etwas falsch, sondern mein Körper funktionierte einfach nicht so wie er sollte. Der Fehler lag nicht bei mir, sondern bei einer Dysfunktion meiner Eierstöcke. Das war abstrakter, das war nicht ich, sondern nur ein kleiner Teil von mir.

    Ein langer Weg

    Der Weg bis zur Diagnose unfruchtbar war lang. Seit vier Jahren versuchten mein Mann und ich nach der Geburt unseres ersten Kindes im Frühjahr 2016 wieder schwanger zu werden. Da wir schon ein Kind hatten und ich mit Nierensteinen gesundheitlich noch andere Baustellen hatte, wurden wir bei jeder Nachfrage beim Arzt erst einmal ausgebremst. „Stresst euch nicht, das wird schon…“ – ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich solche oder ähnliche Aussagen gehört habe. Irgendwann hatte ich nur noch das Gefühl mit dem unerfüllten Wunsch nach einem zweiten Kind nicht ernst genommen zu werden.

    Erst im Sommer 2020 konnten wir uns durchsetzen und in das konkrete Diagnoseverfahren einsteigen. Allerdings wurde ich dafür vom Gynäkologen zum Hausarzt und wieder zurück geschickt. Als erstes wurde schließlich ein großes Blutbild gemacht, das bis auf eine minimale Tendenz zur Schilddrüsenunterfunktion vollkommen unauffällig war. Ein paar Monate später folgte dann die Zykluskontrolle via Blutabnahme. Dafür wurde mir an verschiedenen Tagen des Zyklus Blut abgenommen und geschaut, ob ich die entsprechenden Hormone für jede Phase produziere. Parallel durfte mein Mann zum Spermiogramm. Doch auch hier: Alles total normal.

    Nächster Schritt: Kinderwunschklinik

    Erst nach diesen Voruntersuchungen wurde uns empfohlen, uns an eine Kinderwunschklinik zu wenden und eine Bauchspiegelung unter Vollnarkose vornehmen zu lassen. Ich muss gestehen, ich habe die Prozedur echt unterschätzt. Ich habe eine wirklich gute Wundheilung und ein äußerst geringes Schmerzempfinden. Was sollte bei einem minimalinvasiven Eingriff mit drei kleinen Schnitten also schon groß passieren?

    Die kleinen Schnitte waren auch gar nicht das Problem für mich. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit Schulterschmerzen aus der Hölle. Damit der Operateur im Bauch- und Gebärmutterraum eine bessere Sicht hat, wird man wie ein Ballon mit Gas gefüllt und während der OP mit dem Kopf schräg nach unten gelagert, damit die Organe Richtung Kopf rutschen können. Nach der OP steigt das Gas dann nach oben auf und drückt von unten erst gegen das Zwerchfell, dann gegen das Schlüsselbein und die Schultern. Und das tut richtig weh. Wie eine Muskelkater eines Sportmuffels nach einem Iron Man Training. Fairerweise muss ich ergänzen: Nach anderthalb Tagen war der ganze Spuk wieder vorbei.

    Was die Diagnose „unfruchtbar“ mit mir machte

    Die Tagesklinik konnte ich sechs Stunden später nicht nur mit Schulterschmerzen, sondern auch mit einer Diagnose im Gepäck verlassen. Wegen Corona durfte ich die Diagnose Unfruchtbarkeit natürlich alleine entgegen nehmen. Von einer Heulsuse wie mir hatte ich eigentlich erwartet in Tränen auszubrechen. Doch die Augen blieben trocken. Auch noch als ich meinem wartenden Mann vor der Tür davon erzählte. Ich fühlte mich vielmehr befreit. Als ob mir jemand eine große Last von den (schmerzenden) Schultern genommen hätte.

    Klarheit kann so befreiend sein

    Rückblickend denke ich oft, dass wir diesen Befreiungsschlag auch viel früher hätten haben können. Denn was durfte ich mir bis zum diesem Tag nicht alles anhören? Du hast zu viel Stress, du schläfst zu wenig, du musst besser essen, du bist zu verkrampft, du willst es zu sehr…

    Die Worte und all die guten Ratschläge hörten sich immer falsch für mich an. Ja, ich wollte noch ein Kind. Und ja, von Zyklustracking über Ovolationstests bis hin zu Gadgets wie Fertililly versuchte ich quasi alles, was ich finden konnte und sich für mich und für uns irgendwie gut anfühlte.

    Doch wollte ich es wirklich zu sehr? Setzte ich mich zu sehr unter Druck? Danach fühlte es sich gar nicht an. Ein Kind zeugen zu wollen, kann sich auch noch im gefühlt 570. Anlauf gut und schön anfühlen. Und auch wenn ich tief in mir fühlte, dass ich nichts falsch machte, löste jeder noch so gut gemeinte Ratschlag etwas in mir aus. Ich fühlte mich zunehmend verunsichert und suchte den Fehler bei mir.

    been there, done that

    Ich konnte machen, was ich wollte und mich wortwörtlich auf den Kopf stellen (been there, done that) – aber schwanger wurde ich dadurch nicht. Kein Wunder! Denn die Ursache lag nicht an meiner allgemeinen Verfassung, sondern „lediglich“ ein kleines Rädchen im Uhrwerk meines Körpers machte nicht das, was es sollte. Es gibt dieses saublöde Sprichwort „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Auch wenn ich es nie für möglich gehalten hätte, machte der Spruch auf einmal Sinn für mich – und befreite mich von zu vielen Gedanken und der immer wiederkehrenden Enttäuschung von mir selbst.

    Die große Entscheidung

    Doch mit der Diagnose Unfruchtbarkeit kam nicht nur ein Gefühl der Befreiung, sondern auch eine große Entscheidung auf uns zu. Wir nahmen uns nicht nur ein paar Wochen, sondern mehrere Monate Zeit, um zu entscheiden, ob wir den Weg der künstlichen Befruchtung gehen wollten oder nicht. Natürlich hatte hierzu wieder jeder in unserem Umfeld eine Meinung oder einen gutgemeinten Ratschlag für uns parat.

    Die Anträge für Kostenübernahme für die Krankenkasse lagen gefühlt ewig unberührt in einer Schublade. Dabei war es die einzige Aufgabe meines Mannes diese auszufüllen, wenn ich mich schon der Hormon-Dröhnung aussetzen würde. Normalerweise ist mein Mann bei solchen Angelegenheiten oberkorrekt und würde niemals wichtige Anträge auf die lange Bank schieben. Für uns war das, das entscheidende Zeichen. In nicht nur einem langen Gespräch hinterfragten wir unseren Kinderwunsch und unterhielten uns über unsere Ängste und Sorgen, über alles, was uns abhielt.

    Relativ ungewöhnlich für ein Paar, das den Fuß bereits über die Schwelle einer Kinderwunschklinik gesetzt hat, entschieden wir uns gegen die künstliche Befruchtung. Gründe dafür gab es viele: Unser erstes Kind hat einen sehr seltenen Gendefekt, von dem wir erst während des Diagnoseverfahrens erfahren haben. Aus dem Verantwortungsgefühl ihm gegenüber hatte ich Angst vor den körperlichen und emotionalen Belastungen durch die Behandlung. Könnte ich ihm gerecht werden, wenn ich bis oben voll gepumpt mit Hormonen bin? Breche ich zusammen, wenn es nicht gleich beim ersten Versuch funktioniert? Ich hatte Angst, nicht für diesen kleinen Kerl da sein zu können, so wie er es braucht und verdient.

    Das Glück herausfordern?

    Viel größer war aber unsere Sorge, unser Glück herauszufordern. Wir fühlten uns doch wie einen Familie – ob jetzt mit einem oder mit fünf Kindern?! Mit unserer Nummer 1 hatten wir schon genug Herausforderungen, die wir noch gerade eben bewältigen konnten, ohne uns selbst oder als Paar komplett zu verlieren und aufzugeben.

    Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass es ein erhöhtes Risiko für Gendefekte bei einer künstlichen Befruchtung gäbe. Ich konnte zwar weder eine wissenschaftliche Erklärung noch eine Bestätigung dafür finden, doch diese kleine Information, ob nun wahr oder falsch, nagte an uns. In uns wuchs der Gedanke, ob wir mit einem zweiten behinderten Kind an die Grenzen unserer Belastbarkeit stoßen würden.

    Dazu gesellte sich ein zweiter Gedanke, der uns sehr belastet hat: Könnten wir ein behindertes Kind aus einer künstlichen Befruchtung genauso annehmen wie aus einer natürlichen Empfängnis? Der Gedanke fühlte sich so falsch an, zeigte uns aber auf schmerzliche Weise, was uns Angst machte und schließlich den Weg zu einer Entscheidung.

    Was zählt

    Es hat gedauert, all das zu verdauen. Wir mussten uns von dem Bild von Familie, das wir in unseren Köpfen hatten, verabschieden. Wir haben geweint. Wir haben getrauert. Wir haben gelernt, loszulassen. Und mit dem Weinen, mit dem Trauern, mit dem Loslassen, kam das Gefühl, dass die Entscheidung die richtige war. Sie ist uns zwar irrsinnig schwer gefallen ist, aber fühlt sich für uns als kleine Familie genau richtig an.

    
    
    		
    Wiebke M. Litschke ist studierte Pädagogin und Mutter eines "besonderen“ Kindes. Seit der Geburt ihres Sohnes, der einfach in keine Schublade oder Phase passen möchte, verlässt sie sich nicht auf klassische Erziehungsschemen, sondern auf ihr Bauchgefühl. Darüber hat sie den Ratgeber „Erziehen mit Herz und Bauchgefühl“ geschrieben, der für mehr Leichtigkeit durch Elternintuition plädiert.
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