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    Unser Leben mit einem Pflegekind
    Janine Falk nimmt uns mit in ihre Familie und erzählt von ihrer emotionalen Reise auf dem Weg zur Mutterschaft

    „Und wie lange bleibt er bei euch?"
    „Müsst ihr ihn irgendwann wieder abgeben?" 
    „Also, das könnte ich ja nicht."

    „Können seine Eltern ihn zurückfordern?" 

    Diese Fragen bekam Janine Falk immer wieder zu hören, als ihr Umfeld erfuhr, dass sie und ihr Mann sich für ein Pflegekind entschieden hatten. So nachvollziehbar sie sind, so sehr schmerzen und verletzen sie und zeigen ihr, welche Vorurteile über das Thema Pflegekind bestehen. Janine will uns ihre Geschichte erzählen, damit wir verstehen, was diese Wahl und der Weg für sie bedeutet haben. 

    Fast zwei Jahre lang hatten wir versucht, ein Baby zu bekommen. Das geht eigentlich noch. Wenn man aber auf etwas wartet, kann das sehr lange sein. Für uns war dann relativ schnell klar, wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt, dann eben nicht.

    Dass wir aber unser Leben mit einem Kind teilen wollten, war uns klar, und deshalb mussten wir uns nach einer Alternative umsehen. 

    Eines Abends fuhren wir mit dem Fahrrad durch die menschenleere Fußgängerzone, vorbei an einer großen Plakatfläche, von der uns ein Mädchen anlächelte. Der Slogan lautete: „Ist hier noch Platz? – Wir nehmen ein Pflegekind auf, ihr auch?“

    Wir haben uns angesehen und ich habe gesagt, dass ich uns mal einen Beratungstermin beim Jugendamt machen würde. Der erste Termin war sehr nett und hat uns viele Fragen beantwortet. Wir erfuhren, dass die Kinder vermittelt werden, die eine größtmögliche Aussicht auf Erfolg haben. Mit Erfolg ist hier gemeint, dass sich das Kind wohl fühlen und die Chance haben soll, sich gut zu entwickeln. Und das sind dann meist die ganz, ganz jungen Kinder. Wir erfahren, dass Kinder auch immer wieder mal bei Wegfall der akuten Gefährdung zu den Eltern zurückgeführt werden. Nach dem Gespräch waren wir so gut wie überzeugt, dass wir den richtigen Weg für uns gefunden hatten. Wir wollten ein Kind in Vollzeitpflege bei uns aufnehmen. 

    Ist das ein Assessment Center?

    Aber da gab es erst noch einige Hürden zu nehmen. Unser Jugendamt sieht als ersten Schritt die Pflichtteilnahme an einem Informationswochenende auf dem Land vor. Interessierte tauschen sich in einer alten, sehr gemütlichen Jugendherberge mit erfahrenen Pflegeeltern, Psychologen und Jugendamtsmitarbeiterin aus. Es werden Vorträge gehalten, gemütliche Gespräche am Kamin geführt und lange Spaziergänge gemacht. Aber auch hier fragte man sich schon: ‘Wie wirkt es, wenn wir jetzt Alkohol trinken? Wie soll man sich verhalten? Ist das gemeinsame Essen schon eine Art Assessment Center? Wie sehr wird man begutachtet und wie kommt es an, dass ich ständig so ergriffen bin und heule? Wirke ich labil? Wir wollen ein Baby und wir wollen den Leuten hier doch vermitteln, dass wir stark sind.’ Das Wochenende war ordentlich anstrengend, sehr intensiv und danach wussten wir, wenn die uns wollen – wir wollen! 

    Von Anfang an hatte ich großes Mitgefühl für die leiblichen Mütter. Egal, was ihnen geschehen ist, es muss furchtbar sein, sein Kind abgeben zu müssen. Auch wenn die Mutter drogensüchtig ist oder alkoholkrank – auch eine Mutter, die ihr Kind schlägt, wird viele Momente haben, in denen sie leidet. Ich hatte von Anfang an mit ihnen gelitten. Laut der Psychologin ist das genau die richtige Einstellung, um mit dem Thema umzugehen. Ich wusste aber auch, dass es für mich viel Arbeit bedeuten wird, mich abzugrenzen und nicht mit diesen Müttern unterzugehen. Das ist ein Dauerthema, an dem ich immer noch arbeite.

    Hat man Schulden? Ist man gesund? Ist man vorbestraft?

    Zu Weihnachten erzählten wir unseren Familien alles und erklärten, dass wir jetzt also irgendwie „schwanger“ waren, wobei wir dann ja noch überprüft wurden und die Dauer unserer „Schwangerschaft“ ungewiss war und es eventuell auch noch einen Abbruch hätte geben können. Unsere Familien waren wie erwartet wundervoll und sagten uns bei allem ihre Unterstützung zu.

    Dann wurden wir überprüft. Wie groß ist die Wohnung? Was ist mit den finanziellen Verhältnissen? Hat man Schulden? Hat man schon einmal eine Psychotherapie gemacht? Ist man gesund? Ist man vorbestraft? Was sagen die Nachbarn, wenn es laut wird? Alle Fragen machten Sinn. Auch die getrennten Gespräche bei der Mitarbeiterin des Jugendamtes und die teilweise provozierenden Fragen waren nachvollziehbar. „Wollen Sie das auch oder nur Ihre Frau?“ Uns war klar, dass es nur funktionieren konnte, wenn wir als Paar funktionierten. Ich war immer wieder verunsichert, überlegte, ob ich das Richtige gesagt habe, doch mein Mann ist sich sicher: Wir sind toll, so wie wir sind. Die müssen uns doch nehmen. 

    Wann soll das Kind kommen?

    Es dauerte eine Weile, dann bekamen wir die Nachricht: Wir waren als erziehungsfähig eingestuft worden. Wow, das hörte sich wirklich gut an! Und dann wurden wir gefragt, wann wir denn ein Kind haben wollten? Das liest sich jetzt bestimmt komisch. Aber ja, ich habe meinen Kalender rausgeholt – ich muss es mit meinem Arbeitgeber absprechen, das Kinderzimmer musste eingerichtet werden. Wir einigten uns auf einen Zeitraum.

    Die nächste Zeit war mega aufregend. Wir wussten ja nicht, wie alt das Kind sein wird, wird es ein Mädchen oder ein Junge und was hat es eventuell schon erlebt? Unser ganzes Umfeld fieberte mit. Wir entschieden uns vorerst nur für ein Gitterbettchen und eine Wickelkommode. Meine Knie waren weich. Die Mutter des kleinen Jungen hatte sich ganz kurz vor der Geburt doch gegen ein Adoption entschieden. Jetzt sollte der Junge in eine Pflegefamilie. Mir wurde schlecht. Wir hatten nichts für einen Säugling vorbereitet… Wir sollten eine Nacht darüber schlafen und am nächsten Tag Bescheid geben. Wir schliefen nicht viel, wir redeten und waren furchtbar aufgeregt. Wir wollten diesen Jungen, aber wir brauchten etwas Zeit zum Vorbereiten, zum Einkaufen, um uns darauf einstellen zu können. 

    Der Nestbau beginnt

    Das Wochenende verbrachten wir mit Telefonieren und Einkaufen. Eine liebe Kollegin von mir schenkte uns einen Kinderwagen. Eine Woche später lernten wir die leiblichen Eltern kennen. Das ist der normale Ablauf, zuerst lernt man die Eltern kennen, und nur wenn man sich das mit den leiblichen Eltern vorstellen kann, lernt man das Kind kennen. Wir waren beide sehr aufgeregt vor dem Treffen. Ich fand die Mutter auf Anhieb sehr sympathisch, sie wirkte warmherzig, sie hat eine niedliche Stupsnase und Sommersprossen. Sie liebte ihre Kinder. Sie hatte selbst eine schwere Kindheit. 

    Kennenlernen und Anbahnen

    Drei Tage später, der Kleine ist mittlerweile zwei Wochen alt, durften wir ihn endlich kennenlernen. Bis dahin war er bei ganz lieben Bereitschaftspflegeeltern untergebracht. Die Bereitschaftspflegemutter hatte ihn auf dem Arm, als sie uns die Tür aufmachte. Wir setzten uns und sie fing an, ein wenig zu erzählen. Er weinte viel, spuckte viel, wahrscheinlich vermisste er seine Mama. Er war so klein und hat eine mega Stupsnase, wie seine Mama. Und dann sagte sie: “Nimm ihn doch mal!“ Und dann lag er in meinem Arm, ich sprach leise mit ihm. Das fühlte sich toll an, ich schnupperte an ihm – und schon wieder flossen die Tränen. Die Jugendamtsmitarbeiterin sah mich an: “Ist das ein Ja?” “Ja, natürlich”, antwortete mein Mann. Er stand hinter mir, sein Kinn lag auf meiner Schulter und auch bei ihm flossen die Tränen. Irgendwann holten wir nochmal den Kalender raus und verabreden die nächsten Termine. Wir sollten uns jetzt „anbahnen“. Das bedeutete, wir sollten den Kleinen so oft wie möglich sehen. Wir sollten ihn wickeln, ihm die Flasche geben, ihn anziehen. Die Bereitschaftspflegemutter half uns dabei – eine tolle Frau. Sie hat selbst zwei erwachsene Söhne, ist im gleichen Alter wie meine Mutter und so verliebt in den kleinen Kerl. Und ich bin so dankbar, wir haben heute noch ein sehr inniges Verhältnis. 

    Er ist jetzt da, er gehört zu uns

    Am Tage der U 3 zieht er bei uns ein. Wir holen ihn ab, ich werde nie seinen Blick vergessen. Er liegt in der Babyschale und sieht uns beide mit großen Augen an. Wirklich so, als ob er merkt, dass hier etwas ganz Wichtiges passiert. Ich sitze mit ihm hinten und halte während der Autofahrt sein Händchen. Als frisch gewordene Eltern fahren wir zum Kinderarzt und dann nach Hause. Es ist wieder ein Freitag, das Wochenende wird aufregend, mein Mann kann drei Tage lang nichts essen, so sehr wühlt ihn das alles auf. Uns wird jetzt bewusst, was das bedeutet: Er ist jetzt da, er gehört zu uns. Er ist von uns abhängig und er fühlt sich alleine, er hat in den fünf Wochen seines Lebens bereits zwei große Verluste erfahren müssen. Jetzt sind wir da. Wir müssen jetzt erst einmal Bindung aufbauen, ich bleibe auf jeden Fall zwei Jahre zuhause. Aber uns ist klar (und das Jugendamt setzt das voraus), dass wir ihn nicht so bald fremd betreut lassen sollen. 

    Ich bin nur ein Ersatz

    Ab jetzt ist fast alles wie bei anderen Eltern auch – und doch auch nicht. Wir sind uns sicher, dass wir ein eigenes Kind nicht mehr lieben würden als ihn. Wir sind aber auch irgendwie froh, dass wir keinen Vergleich haben. Er ist „unser Kind“, wenn ich mich auch anfangs ständig gefragt habe, ob diese natürliche Bindung zwischen Mutter und Kind nicht doch so innig ist, dass ich da nie dran komme. Ich bin eben nur der Ersatz – vermutlich ein recht guter, aber eben nur Ersatz.

    „Das ist kein Job, die Kinder sind unsere Familie!"

    Mittlerweile versuche ich das nicht mehr so oft zu denken. Anfangs habe ich aber auch immer erzählt, dass er ein Pflegekind ist und so kamen dann die Fragen: Wie lange kann er denn bleiben und was ist denn mit den Eltern? Und diese Fragen schmerzen, weil sie eben uns alle irgendwie herabsetzen – und wir werden anders angesehen. Aber: Das ist kein Job, die Kinder sind unsere Familie. Mittlerweile erzähle ich es nicht mehr sofort. Es ist ja auch nicht wichtig. Er hat zwei Mütter und zwei Väter. Wir sind für ihn Mama und Papa, und wir sprechen über die beiden anderen mit ihren Vornamen. Wir sehen uns regelmäßig, anfangs alle zwei Wochen, mittlerweile ist der Abstand größer geworden, aber wenn wir sie brauchen, für irgendwelche Unterschriften oder so, sind sie da. Sie sind schon lange kein Paar mehr, kümmern sich aber gemeinsam. Ich habe wirklich großen Respekt vor beiden. Sie haben uns akzeptiert, wissen, dass wir ihr Kind lieben, alles für den Kleinen tun und ihn nicht von ihnen entfremden wollen. Wir konkurrieren nicht. Sie gehören zu uns, Fotos von ihnen hängen im Kinderzimmer und unsere Familien kennen sie. Das Jugendamt sagt, dass wir viel Glück mit den Eltern haben, das ist wohl eher die Ausnahme. Überhaupt ist unser Verhältnis eher die Ausnahme. 

    Aber Weihnachten wird wieder kommen und ich bin doch immer so sentimental. Das erste Weihnachten als Familie war einerseits sehr schön und andererseits war ich so traurig, traurig für die Mama, die ohne ihre Kinder ist. Als Mutter ohne Kinder zu leben, muss doch furchtbar sein. Im Gegenzug haben wir so viel Glück mit diesem Sonnenschein. Wir haben ein Kind.

    Zwei Jahre später ist ein kleines Mädchen bei uns eingezogen. Der Kleine ist jetzt auf einmal der Große. Und wieder ist unsere Familie etwas größer geworden. Auch die neue Familie der kleinen Maus gehört dazu und wir mögen sie. Und tatsächlich kennen sich die Mütter unserer Kinder und finden es irgendwie cool, dass ihre Kinder jetzt Geschwister sind. Neulich trafen wir uns alle gemeinsam bei einem Fest der Lebenshilfe. 

    Ich denke, es kann nur so laufen! Dann haben die Kinder eben zwei Mütter und zwei Väter. 

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