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    Das getürkte Weihnachtsfest
    Wie feiern andere Weihnachten? - Ein Blick über den Tellerrand

    Deutschland ist ein buntes Land mit vielen verschiedenen Kulturen. Und das ist gut so. Allein in Berlin leben heute circa 200.000 türkischstämmige Mitbürger. Sie alle sind jedes Jahr zwangsläufig dem Weihnachtswahnsinn genauso ausgesetzt wie wir. Der große Unterschied ist, dass wir von klein auf mit der Vorfreude, den Erwartungen, Bräuchen, Gerüchen und Liedern begleitet waren. Wie fühlt es sich an, als junger Mensch nach Deutschland zu kommen und mit dieser Kultur konfrontiert zu werden? Ist die vollkommene Adaption der einzige und richtige Weg? Oder lassen sich neue Formen entwickeln, die unter Umständen den eigentlichen Ursprung des Festes – der Gemeinschaft und der Freundschaft – wieder sichtbarer werden lassen? Die gebürtige Türkin Gülhan Ata erzählt uns, wie es zu ihrem getürkten Weihnachtsfest kam und was ihr diese Zeit im Jahr bedeutet. Begleite sie bei dem Blick über den Tellerrand, der uns eingefleischten 'Weihnachtlern' einen neuen, wunderschönen Blick auf den Heiligabend schenkt.

     

    Ich war 13 Jahre alt, als ich im Zuge der Familienzusammenführung mit meiner Mutter und meinem 5 Jahre jüngeren Bruder aus Bursa in der Türkei nach Kornwestheim (bei Stuttgart) gekommen bin. In der Türkei waren Weihnachtsfest und Neujahrsfest für mich identisch und ohne jeden religiösen Zusammenhang. Bei uns standen in den Einkaufsstraßen beleuchtete und geschmückte Weihnachtsbäume und der Weihnachtsmann (noel baba) im Coca-Cola Design winkte aus den Schaufenstern. Wir kamen jährlich in unterschiedlichster Konstellation am 31. Dezember mit unserer Großfamilie zusammen, meistens bei den Großeltern und feierten das Neue Jahr und beschenkten uns. Geschenke waren aber nie Pflicht, sondern eher eine freiwillige Handlung. Meistens bekamen die Kinder ein Geschenk oder etwas Geld. 

    Als ich in Kornwestheim ankam, war mein oberstes Ziel, die Sprache zu lernen. Ich ging zur Schule, versuchte die Umgebung kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen, also so schnell wie möglich die Voraussetzungen für ein normales Leben zu schaffen. Deshalb hatte ich in meinem ersten Jahr in Deutschland so viel zu bewältigen, dass ich die Weihnachtszeit kaum wahrnahm. 

    Nachdem ich in der Vorbereitungsklasse ausreichend Deutsch gelernt hatte und in eine Regelklasse kam, lernte ich Freunde kennen und irgendwann kam auch die Weihnachtszeit mit all seinem Prunk und Glanz bei mir an. Ich fragte viel nach, erfuhr einiges über den christlich religiösen Ursprung der Feier, über die Bedeutung der Familie in diesem Zusammenhang, über den Weihnachtsmann, der die Geschenke bringt. Ich entdeckte dabei Parallelen zu unseren Festtagen, empfand diesen Zusammenkunft der Familie als etwas Bezauberndes und Wohltuendes, unabhängig von der Religion, die im Grunde zur Entstehung dieses Zusammenkommens beigetragen hatte. 

    Weihnachten war zu dieser Zeit für mich das Wichteln in der Schule

    Wir feierten zu Hause mit meinen Eltern keine Weihnachten, sondern weiterhin das neue Jahr mit Freunden und Bekannten. Ich muss gestehen, dass ich in dieser Zeit die Einheimischen um die Weihnachtszeit beneidete, denn meine Großfamilie lebte nicht in Deutschland und wenn, so hätten wir aufgrund des unterschiedlichen Glaubens nicht vollständig ein Teil dieser Zeremonie werden können. Und unsere Festtage hier zu feiern war immer schwierig, weil hier der Alltag weiterging und die festliche Stimmung nicht in der Luft lag. Hinzu kommt, dass meine Eltern mich nicht religiös erzogen hatten. 

    Weihnachten änderte sich für mich erst, als ich selbst Mutter wurde 

    Nun waren wir als Eltern im Zugzwang, denn spätestens im Kindergarten begann meine Tochter nachzufragen und sich auf Weihnachten zu freuen. Nicht nur wir, sondern auch meine türkischen Freunde waren mit ähnlichen Erwartungen konfrontiert. So ergab sich, dass wir zu Weihnachten zusammenkamen, um gemeinsam zu feiern. Jahrelang verbrachten wir den Heiligen Abend in großer Runde, bis zu 10 Kinder, Eltern, Tanten, Onkel, manchmal auch Oma und Opa.

    Parallelen zu unseren Festtagen.

    In dieser Zeit schrieb ich an der Uni im Kurs ‚Soziologische Theorie‘ einen Essay mit dem Titel Das getürkte Weihnachtsfest. Denn ich nahm bei diesem Fest nicht nur Teil und gestaltete es mit, sondern betrachtete genussvoll den Werdegang und versuchte zu entschlüsseln, wie wir als Situationsfremde agierten und wie komisch seltsam unsere Bemühungen manchmal waren. Dabei ging es sehr herzlich zu, es entstand eine warme Atmosphäre, die nah und offen, voller Elan und Freude war. Die Kinder waren nach der Feier jedes Mal beglückt und berauscht und auch uns Erwachsenen gefiel es. 

    Es hätte etwas besinnlicher gestaltet werden können, aber die Rituale standen nicht unbedingt im Vordergrund. Nichtsdestotrotz gab es einen Weihnachtsbaum, den man gemeinsam schmückte und einen Weihnachtsmann, der die Geschenke brachte und die Kinder aufforderte, Weihnachtlieder zu singen.  Es wurden auch unterschiedliche Gesellschaftsspiele gespielt. So entstand ein wildes buntes Fest, mit Elementen aus allen kulturellen Ecken der Welt.


    Habt ihr jemals am Heiligen Abend Reise nach Jerusalem gespielt? Oder hattet ihr schon einmal einen Weihnachtsbaum, der mit Schmuck aus 5 Haushalten verziert war und wie ein Bunter Vogel aussah? Oder habt ihr schon einmal den Heiligen Abend mit Tarkanklängen und bei Kerzenlicht tanzend ausklingen lassen? Auch unser Festessen war kunterbunt und vielseitig, ein Buffet voller Köstlichkeiten aus der anatolischen Küche. 

    Ich versuchte, mich in dem Essay genauer damit auseinanderzusetzen; Es ist eine einzigartige Welt, in der kaum eine Identifizierung vorhanden ist. Das gelingt nur den Kindern, die es ja von Anfang an miterlebt haben. Das christliche Fundament des Festes ist keinem vertraut, die Rituale, Konventionen bleiben außen vor. Die Gestaltung des Tages geschieht aus „fremder Hand“, so als müsste man als Christ ohne viel Vorwissen das Zuckerfest feiern. So entsteht möglicherweise ein verzerrtes, komisches Bild. 

    Das Konsumverhalten an Heiligabend war nicht anders oder auffälliger als bei den Müllers Zuhause. Aber es gab weniger Geschenke, da die Eltern vereinbart hatten, dass nur die Kinder welche bekommen sollten. Ich verwendete das Wort getürkt bewusst, weil die Mehrheit der Eltern aus der Türkei stammte. Das Doppeldeutige war beabsichtigt, sollte es etwas polemisch beleuchten, ohne aber die Gruppe von Menschen zu diffamieren, die sich um diese Form der Adaption bemühte. 

    Ich denke im Großen und Ganzen ist es uns gelungen, ein getürktes Weihnachtsfest auf die Beine zu stellen. Auf jeden Fall war es ein sehr unkonventionelles Fest, ungezwungener, weniger „religionbetont“. Die Kinder waren glücklich und konnten später von ihrer Feier erzählen, Bekannte, Freunde, Verwandte kamen zusammen. Alle verband an diesem Abend Geselligkeit, Freude und Nähe.  

    Heute feiern wir mal zu Hause in kleinerem Kreis, mal mit Freunden, mal verreisen wir. Der Wunsch der Kinder ist nicht mehr so stark wie früher, wahrscheinlich kommt das aber wieder, wenn sie selbst Kinder haben. Dennoch kommt es auch nicht in Frage, an Weihnachten gar nichts zu machen. 

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