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    So flippst du nicht aus, wenn alles zu viel wird
    Übung - Empathie-Trainerin Mona Kino hat eine Strategie, die dir hilft, die Ruhe zu bewahren

    Kennst du das auch, wenn das Fass einfach überläuft? Wenn du die Beherrschung verlierst und du deine Kinder nicht mit Engelszungen ansprichst, sondern eher auf die garstige Weise? – Ja? Dann kennst du sicherlich auch das Gefühl davor und danach. Die völlige Erschöpfung, die kein Abkommen vom geplanten Pfad in dem Tagesablauf mehr erlaubt hat, aber auch das schlechte Gewissen, wenn du den richtigen Ton dann deutlich verfehlt hast.

    Das Gefühl versagt zu haben und sich schuldig zu fühlen, weil man ungerecht war und übertrieben reagiert hat – ja, auch wenn es mal wirklich Grund für den Ärger gab – kennen viele Eltern, denn keiner ist unfehlbar. Und es geht auch nicht darum perfekt zu sein! Dennoch sollten wir lernen damit umzugehen, ob mit einer Entschuldigung oder schon vorher mit Arbeit an den Erschöpfungssymptomen, die es erst so weit haben kommen lassen.

    Mona Kino ist Autorin, erlebnisorientierte Familientherapeutin und Empathie-Trainerin in Berlin. Sie erzählt uns von genau diesen Herausforderungen im Alltag, und das mit großer Offenheit und einem empathischen Blick. Wenn eine Aufgabe sie überfordert, helfen ihr Übungen, die sie in ihrer Ausbildung gelernt hat und hier mit uns teilt. Heute beschreibt sie die Situation des Ausflippen und wie du gezielt dagegen steuern kannst.

    Heute noch Gewitter, morgen schon wieder Sonnenschein

    „Ich hab‘ meinen Sportbeutel vergessen“, höre ich meinen 10-jährigen Sohn vom Rücksitz unseres Wagens sagen. Wir sind gerade an der Sporthalle seines Tischtennis-Vereins angekommen und innerhalb von Milli- oder Nanosekunden, keine Ahnung, wie man das nennt, jedenfalls in Bruchteilen von Sekunden, tauchen wie in dem Film „Alles steht Kopf“ mein persönlicher Innenminister, mein innerer Außenminister und mein innerer Verteidigungsminister aus dem Nichts auf, um die katastrophale Lage der Nation möglichst schnell zu klären. Und vor allem darüber zu beraten, welche Konsequenz jetzt und ein für alle Male am wirkungsvollsten ist! 

    Ich bemerke, wie sich mein Atem im Hals staut, oder mein Hals in meinem Atem. Das ist typisch, wenn ich wütend bin. Doch als ich mich darauf konzentriere, meine Anspannung in der Kehle loszulassen, dehnt sich die Zeit in diesem kleinen Wagen aus. Und zum ersten Mal höre ich alle Ministerstimmen und ihre Argumente: 

    „Er wusste ganz genau, dass du im Anschluss noch zu einem wichtigen Termin musst. Wie häufig willst du dich denn noch von ihm nicht ernst genommen fühlen? Ich finde, vier Wochen Computer-Verbot, ohne Erklärung natürlich.“

    „Ich finde schon, wir sollten ihm erklären, dass dieses ‘Vergessen’ daher rührt, dass er insgesamt zu viel am Computer sitzt. Was hältst du davon, wenn du beim nächsten Mal eine Stunde, bevor ihr das Haus verlasst, das WLAN ausstellst?“ 

    „Ihr und eure Maßnahmen und Erklärungen. Alles, was ihr vorschlagt, bezieht sich auf Frustrationen in der VERGANGENHEIT und die Lösungen finden in der ZUKUNFT statt, wem ist damit JETZT geholfen? Deine Anstrengungen sollten jetzt lieber dahingehend eingesetzt werden, wie du die Sporttasche UND den Anschlusstermin jetzt noch hinbekommst. Und wenn ihr beide Ruhe habt, setzt du dich mit ihm hin und hörst ihm zu, weshalb er momentan so viel spielt.“

    Während ich also meinem Atem folgte, konnte ich gleichermaßen einem Gedankenmuster von mir folgen, das ich gewöhnlich anwende, wenn ich mich nicht auf meinen Atem konzentriere. Ich wäre dem ersten Ratschlag, dem des Verteidigungsministers gefolgt (der insgeheim eher ein Kriegsminister ist, wie man den Verteidigungsminister noch in meiner Kindheit nannte) und hätte völlig unverhältnismäßig nicht nur eine Bombe im Kinderzimmer meines Sohnes abgeworfen, sondern gleich im ganzen Haushalt. Und dann vier Wochen! Ohne Erklärung! Wie hätte ich das denn selbst ausgehalten? Völliger Nonsens also. 

    „Alles, was ihr vorschlagt, bezieht sich auf Frustrationen in der VERGANGENHEIT und die Lösungen finden in der ZUKUNFT statt, wem ist damit JETZT geholfen?"

    Durch den Fokus auf das Atmen war mir jetzt was anderes möglich. Ich sah auf die Uhr am Armaturenbrett, die immer fünf Minuten vor geht, weil ich es überhaupt nicht mag, zu spät zu kommen. Genug Zeit noch einmal hin- und herzufahren, den Sportbeutel zu holen und pünktlich beim Training zu sein. Und auch für ein Telefonat, falls ich es dann doch nicht pünktlich zu meinem Treffen schaffen sollte, um meine Verspätung zu entschuldigen. 

    Rumpelstilzchen macht nur Angst

    Als ich mich zu meinem Sohn umdrehe, um ihm meine Entscheidung mitzuteilen, kann ich Angst in seinen Augen sehen. Genauso wie in den Augen meiner 8-jährigen Tochter, die daneben sitzt. Angst vor meinem Verteidigungsminister, der mal wieder zu Besuch ist. Ihr Atem stockt in ihren Körpern und ich stelle mir vor, was mein Ärger so viele Male zuvor für Spuren in ihren Körpern hinterlassen hat. 

    Ich entschuldigte mich bei ihnen, dass ich früher nicht dazu in der Lage war, das zu bemerken und dass ich jetzt umdrehe und wir zusammen zuhause den Turnbeutel ohne Strafen oder Konsequenzen holen werden. Innerhalb von Sekunden schmolz die Anspannung in ihren Körpern wie Eiswürfel, wenn sie in warmes Wasser fallen.  

    Als ich ihnen an diesem Abend „Gute Nacht“ sagte, passierte Folgendes: Sie dankten mir beide für dieses schöne Erlebnis mit mir im Auto. Und ich erlebte einen Moment der tiefen Freude in mir darüber, dass mein Handeln tatsächlich Wirkung hat. Nicht nur das negative, sondern auch das positive. 

    Natürlich gibt es noch immer Momente, in denen ich denke, dass ALLES in meinem Leben feststeckt und für alle EWIGKEIT so bleibt. Und manchmal fühlen sich diese Momente dann auch noch so an, als würden sie FÜR IMMER andauern. Doch dann hilft mir das tiefe Verständnis davon, dass sich alles immerzu verändert und verwandelt und nie und nichts für IMMER UND EWIG so ist. Dass die unangenehmen Gefühle spätestens in ein paar Minuten vorbei sind. So wie nach einem Gewitter schnell wieder die Sonne scheint.

    ÜBUNG

    Die „Aufzugsübung“

    Mit dieser Übung kannst du lernen, deinem Atem zu folgen. Setze dich bequem auf einen Stuhl oder auf ein Kissen auf dem Boden hin. 

    Wenn du magst, schließe die Augen oder lasse sie auf einem unbestimmten Punkt vor dir auf dem Boden ruhen. 

    Spüre, wie der Stuhl deinen Körper, die Rückseite deiner Beine, dein Gesäß und vielleicht auch deinen Rücken stützt. Spüre die Schwere deines Körpers. Spüre, wie der Stuhl das Gewicht deines Körpers trägt. 

    Richte nun deine Aufmerksamkeit auf einen Punkt, der sich einige Zentimeter unterhalb deines Nabels im Zentrum deines Körpers befindet. Es ist das sogenannte Gravitationszentrum unseres Körpers und die meisten Sport- und Tanzdisziplinen basieren auf der Wahrnehmung und Sensibilisierung dieses Ortes für ihre korrekte Ausführung. Manchen ist dieser Ort auch als das 6. Chakra bekannt. 

    Verweile hier einige Minuten. 

    Richte deine Aufmerksamkeit nun auf deinen Kopf. Spüre, ob es dort Verspannungen gibt und ob es dir möglich ist, diese zu lösen. Spüre dein Gesicht: deine Stirn, deine Schläfen, den Bereich rund um deine Augen, deinen Kiefer, deine Lippen und deinen Nacken. Spüre, wie der Kopf wie ein Ball auf der Wirbelsäule sitzt. Du kannst den Kopf etwas bewegen und genau auf der Mitte der Wirbelsäule platzieren. 

    Richte deine Aufmerksamkeit dann auf den Punkt in der Mitte deines Kopfes, der Zirbeldrüse. Anderen ist dieser Ort als das 2. Chakra bekannt. 

    Verweile auch hier ein paar Minuten lang.

    Lass dann bei deiner nächsten Einatmung deinen Atem diesen Punkt im Kopf mit dem Punkt unterhalb deines Nabels verbinden. Und beim Ausatmen umgekehrt. Du verlagerst die Aufmerksamkeit über deinen Atemfluss vom Nabel wieder hinauf zum Kopf.

    Das wars auch schon. 

    Manchmal kannst du dabei den Eindruck haben, dass du nicht mit der Nase einatmest, sondern mit der Zirbeldrüse und dass die Luft dabei den ganzen Weg durch deinen ganzen Körper bis in deinen Bauch hinunterfließt und wieder zurück – aber das ist normal. Auch wenn du das Gefühl hast, du atmest aus der Zirbeldrüse wieder aus.

    Wenn du diese Übung täglich ein paar Minuten lang machst, wird alles, was dir daran erstmal merkwürdig vorkommt, vorbeigehen. Zum Beispiel, dass du die ersten Male denkst, du hast noch nie im Leben einen Atemzug getan. Meist hat sich der Körper schnell daran gewöhnt und das Atmen wird so leicht, wie du es normalerweise von dir gewöhnt bist. Und du kannst die Reise im Fahrstuhl rauf und runter genießen. Ja, sogar an verschieden Etagen anhalten und dich umsehen. In erster Linie ist diese Übung dafür da, unsere Energie, die im Kopf ist, mit der in unserem Bauch zu verbinden. Das verankert die mentalen Prozesse in unserem Körper – etwas, was in unserer Kultur und unserem Erziehungssystem häufig außer Acht gelassen wird. 

    Wenn dir die Übung gefällt und du sie über einen längeren Zeitraum täglich ein paar Minuten übst, zum Beispiel über einen Zeitraum von sechs Monaten hinweg, dann wirst du feststellen, dass dieser Effekt nicht (mehr) einfach nur so zufällig auftaucht, sondern dass er Teil deines Alltags geworden ist und dich auch in herausfordernden Situationen dabei unterstützt, gelassen zu bleiben.

    Photo by Priscilla Du Preez on Unsplash

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    Mona Kino ist Autorin und erlebnisorientierte Familientherapeutin in Berlin. Seit 2014 praktiziert sie TrainingEmpathy. Sie ist Trainerin, Supervisorin und Referentin für Teambuilding in der Erwachsenenbildung. Ihr Ziel ist, den Menschen ein stärkeres Selbstgefühl für ihre persönlichen Kompetenzen zu vermitteln, damit sie jederzeit klare und für sie stimmige Entscheidungen im Miteinander treffen können. Sie ist Mutter von zwei Jugendlichen und schreibt, neben Drehbüchern, Artikel zum Thema Beziehungskompetenz und Empathie in Schule, Familie und Gesellschaft. www.monakino.de

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