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    5 Minuten mit Lucie
    KOLUMNE #17 - Wie und ab wann beziehe ich mein Kind in das Weltgeschehen ein, fragt sich Lucie

    Wer ist Lucie Marshall?

    Was rettet einen im Alltag mit Kindern? Ganz genau. Der Humor. Aus diesem Grund hat unsere Social Moms Mitgründerin Tanya ihr Alter Ego „Lucie Marshall“ ins Leben gerufen. Da war ihr Sohn knapp 2 Jahre alt ist. In den Kolumnen erzählt Lucie von den kleinen und großen Desastern des Familienalltags, Schlafentzug oder Spielplatzstress – allerdings immer so, dass man einmal durchatmen kann und vor allem herzhaft lachen darf. Entweder über Lucie oder über sich selbst, oder beides, weil sie sich so ähnlich sind.

    Hier geht's zur Audio-Version der Kolumne, gelesen von Autorin Tanya Neufeldt:

    „Mama, ist Weihnachten auch Krieg?"

    „Mama, was habe die gesagt? Wer hat geschossen? Und welche Piraten??“, fragt Sam ganz aufgeregt von hinten. Wir sitzen im Auto und im Radio laufen Nachrichten. Zuerst geht es um einen Überfall von Piraten vor der Küste Somalias, danach um den Krieg in Syrien.

    Ich höre solche Nachrichten nur noch mit halbem Ohr. Nicht weil es mich nicht interessiert oder berührt, sondern weil ich mich einfach so machtlos fühle.

    „Mama, was für Piraten?? Ist das wie Captain Hook?“, fragt er nochmal nach. Ich versuche, ihm möglichst vereinfacht und moderat zu erklären, dass die Piraten in Somalia nicht so entzückend sind wie Captain Hook aus Peter Pan, sondern eher irre gefährlich, weil sie nichts zu verlieren haben. Er hört zu und nickt. 

    „Ish will nie nach Afrika, wenn da noch Piraten sind“, ist sein Fazit.

    „Und was ist mit dem Schießen? Da ist doch jemand tot geschießt worden,“ geht die Fragerei weiter. Ja, das wird jetzt auch nicht einfach mit einer wertvollen und inhaltlich angemessen richtigen Antwort.

    „Weißt du Sam“, versuche ich es, „es gibt Länder, da ist Krieg. Da bekämpfen die Menschen sich gegenseitig.“ Ich sehe im Rückspiegel große aufmerksame Kinderaugen.

    „Mmh, aber warum, Mama?“

    Puh, ich ahnte, dass diese Folgefrage kommen würde. Ja, warum wird in Syrien gekämpft?

    „Das ist ziemlich kompliziert und ganz ehrlich, ich versteh das auch ganz oft nicht. Weißt du…“, fange ich an nach Worten zu suchen, „ es gibt da einen Mann, der möchte gerne der Chef sein für alle Menschen, die in dem Land wohnen, aber nicht alle Menschen wollen, dass er der Chef ist.“

    Ich höre wie es in seinem Kopf rattert. Und rattert. Und rattert.

    „Aber Mama, wenn die andere Mensche nicht wollen, dass der der Chef ist, dann muss man sich abwechseln. Dann ist mal er der Chef und dann mal jemand anders. In der Kita machen wir das so. Da sage ich dann. ‚Nein, Carlos, jetzt will ich der Chef sein. Du darfst dann morgen wieder.’ So geht das, Mama.“

    Ja, so geht das. Ich nicke. „Ja, du hast total Recht. Manchmal wollen Menschen das aber einfach nicht so machen. Die wollen nicht abwechseln.“

    Er denkt weiter nach.

    „Ist auch nachts Krieg, Mama?“ „Ja, leider hört das nachts nicht auf“, antworte ich und versuche, ihn dabei im Rückspiegel zu beobachten und nicht einen Auffahrunfall zu provozieren.

    „Aber wann slafen denn die Mensche dann?“, fragt er ganz besorgt und schaut mich mit seinen großen blauen Augen an. Und ehrlich gesagt wirft mich die Frage aus dem Ruder.

    In dem Moment möchte ich ihn einfach nur in den Arm nehmen und beschützen. Ich möchte ihm zuflüstern: „Werde nicht so schnell groß!“ Ich will ihn fernhalten von all diesen Dingen und weiß natürlich, dass das nicht geht und dass das Leben aus Licht und Schatten besteht. Und er muss es ja auch mitkriegen. Denn wie entwickelt man sonst Empathie für diejenigen, denen es nicht so gut geht wie uns? Ich merke, wie mich seitdem diese Frage beschäftigt: „Ab wann bezieht man sein Kind in solche Themen mit ein?“

    In unserer Nachbarschaft sind Flüchtlinge untergebracht. Der ganze Kiez hat geholfen, die Unterbringung einzurichten. Ich bin auch mit Sam da gewesen und wir haben mit anderen Kindern geholfen, das Spielzimmer einzurichten. Und während wir einräumten und putzten fingen die älteren Kindern eine Unterhaltung an: Über Krieg, über Hitler und was sie so im Geschichtsunterricht gelernt haben. Und ich lauschte gebannt. 

    Und ja, manche Fakten kamen ein bisschen durcheinander („Und dann hat Hitler die Mauer gebaut!“), aber mit welchem Interesse und mit wie viel Empathie sie sich unterhielten und sich bemühten, den Raum für die Flüchtlingskinder möglichst schön zu gestalten, hat mich sehr berührt. Und so wie Sam in das Thema reinwachsen muss, so muss ich wahrscheinlich auch reinwachsen in meine Aufgabe, es im nahe zu bringen. Ich glaube unser Besuch war ein guter Anfang.

    Seitdem kommt das Thema immer mal wieder auf. Am Wochenende saß er am Küchentisch und malte und fragte völlig aus dem Nichts: „Mama, ist Weihnachten auch Krieg?“ Ich bejahte und er sah mich mit festem Blick an und antwortete ganz ruhig: „Das ist nicht schön, Mama.“

    Mein kleiner, weiser Mann.

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