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    FRAG MAL MONA
    „Mein Mann und ich haben sehr unterschiedliche Auffassungen von Erziehung. Wie können wir das harmonischer klären?"

    Die Familientherapeutin Mona Kino beantwortet eure Fragen und berichtet aus ihrer Perspektive. Es sind keine Lösungen im herkömmlichen Sinn (denn die eine Lösung gibt es nicht), vielmehr Anleitungen und Ideen dafür, den individuellen Lösungen in sich auf die Spur zu kommen.

    „Mein Mann und ich haben sehr unterschiedliche Auffassungen von Erziehung. Wie können wir das harmonischer klären, damit wir den Streit nicht immer vor den Kindern austragen?“

    Liebe Mona,

     

    mein Mann und ich sind uns in Erziehungsfragen sehr uneins. Während ich eher bindungs- und bedürfnisorientiert mit meinen Kindern umgehe, sehr stark auf ihre Gefühle eingehe, agiert mein Mann eher „konservativ“. Ganz nach dem Motto: Stell dich nicht so an… Irgendwann ist doch auch mal Schluss… Da muss man jetzt doch mal durchgreifen…Die tanzen uns doch sonst auf der Nase rum…

    Ich schaffe es nicht, ihn in Streitsituationen nicht dafür zu kritisieren und werfe ihm ständig vor, dass er falsch mit den Kindern umgeht und doch endlich mal ein paar aktuelle Erziehungsratgeber lesen soll. Er wirft mir hingegen vor, viel zu lasch mit den Kindern zu sein.

    Wie können wir es schaffen, auf einen Nenner zu kommen? Oder müssen wir das vielleicht auch gar nicht? Wie gelingt uns ein harmonischer Umgang, damit diese Streitigkeiten, die aus den Konfliktsituationen entstehen, nicht immer vor den Kindern ausgetragen werden.

    Vielen Dank für deine Hilfe 

    Laura

    Liebe Laura,

    In Stresssituationen wissen wir uns oft nicht besser zu helfen, als den anderen für sein Verhalten zu kritisieren. So reagieren wir eben, wenn wir uns hilflos oder machtlos fühlen. Wenn wir sehen oder meinen zu wissen, was der andere besser machen könnte, er uns nicht hört oder sieht und wir uns im Miteinander wertlos fühlen.

    Das Interessante ist: Deinem Partner geht es nicht anders, wenn er dich kritisiert. Ihr steht euch also gleichermaßen gegenüber wie zwei Säbelzahntiger, anstatt wie zwei Menschen mit der Fähigkeit, ihre Impulse zu kontrollieren. Euch fehlt beiden dann der Zugang zu euch selbst und einer Idee wie beispielsweise dieser: „Hui, grade ist echt so was von kein guter Zeitpunkt, mit deinem Liebsten darüber zu diskutieren. Da fliegen gleich nur die Fetzen. Aber was hältst du davon, dich mit ihm nach dem Essen zusammen auf die Couch zu setzen und darüber zu sprechen?“ Und dann ein paar Minuten aus dem Zimmer zu gehen oder um den Block – und atmen, atmen, alles zulassen, was da hochkommt. Und keine Sorgen, deine Kinder sterben nicht, wenn du sie mit deinem konservativen Mann allein lässt.

    „In Stresssituationen wissen wir uns oft nicht besser zu helfen, als den anderen für sein Verhalten zu kritisieren.“

    Auch wenn es viele Leute gibt, die behaupten, es gibt einen richtigen oder falschen Erziehungsstil, es gibt ihn nicht. 

    Außerdem: Nicht jede Erziehungs-Philosophie, egal wie sie heißt, passt zu jedem Kind. Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann ist, solange ihr euch gegenseitig von Richtig und Falsch überzeugen wollt, werdet ihr miteinander streiten oder Monologe führen. 

    Und, dass Kinder den Streit ihrer Eltern gut vertragen, solange es dabei nicht um sie geht. Kinder wollen in erster Linie, dass es ihren Eltern gut geht. Streiten sich die Eltern ihretwegen, denken sie, dass sie Schuld daran haben.

    „Auch wenn es viele Leute gibt, die behaupten, es gibt einen richtigen oder falschen Erziehungsstil, es gibt ihn nicht.“

    Was es im Miteinander braucht, ist ein Dialog

    Ihr seid zwei unterschiedliche Personen und Persönlichkeiten und so seid ihr in manchen oder vielen Dingen anderer Ansicht. Und ihr bringt darüber hinaus auch noch völlig unterschiedliche Familienkulturen aus euren Herkunftsfamilien mit. Das heißt, ihr habt gerade eins der vielen Themen auf dem Tisch, über das ihr euch austauschen könnt, anstatt zu streiten.

    Nur weil wir jemanden lieben, heißt das ja nicht, dass wir alles vom anderen wissen.

    Aus meiner Perspektive sollten sich alle Eltern mindestens einmal im Jahr miteinander darüber austauschen: Was wollen wir als Eltern unseren Kindern für die Zukunft vermitteln? Welche Vorstellungen hat jeder von euch für deren Zukunft?

    Dabei ist es nebensächlich, ob eure Kinder jetzt schon ein paar Tage auf der Welt sind oder wie bei einigen anderen Leser*innen erst geboren werden.

    Wenn du dich beispielsweise als bedürfnisorientiert beschreibst, was genau meinst du damit? Heißt dass, dass du gerne alle Wünsche deiner Kinder erfüllen willst? Was ist für dich der Unterschied zwischen einem Wunsch und einem Bedürfnis? Weiß dein Mann das? Und weshalb ist dir das so wichtig ist? Und weißt du, was er darunter versteht? Du kannst ihm auch aus einem Buch deiner Wahl etwas vorlesen, manchmal ist das für uns leichter zu hören. Und, was bedeutet konservativ für dich eigentlich? Für mich klingt das fast wie ein Schimpfwort. Wie ist das für ihn? Hast du ihm einmal in Ruhe zugehört, wie er auf diese oder jene konservative Meinung gekommen ist? 

    Wichtig ist also erst einmal, es überhaupt miteinander in Ruhe zu besprechen, anstatt gegeneinander.

    Denn eure Kinder erzieht ihr mit all dem, was ihr tut und nicht mit dem, was ihr ihnen sagt. Ohne Stress fließt euer Atem besser. Dann wird das Gehirn mit mehr Sauerstoff versorgt, ihr könnt dem anderen dann viel unvoreingenommener und offener zuhören und seine Ansichten nachvollziehen, als wenn das Bewusstsein im Fluchtmodus eingeschränkt ist. Und das ist der Fall, wenn wir im Streit hyperventilieren oder uns der Atem vor Ärger stockt und dann der Säbelzahntiger in der Küche steht.

    „Eure Kinder erzieht ihr mit all dem, was ihr tut und nicht mit dem, was ihr ihnen sagt.“

    Wenn sich ein Konflikt zwischen euch etabliert hat, reicht dafür oft ein Gespräch nicht aus. Aber schaut einmal, wie weit ihr mit einem ersten ruhigen Gespräch kommt. Du kannst zu deinem Partner sagen: „Cherie, (oder wie auch immer du ihn nennst) ich mag und will mich nicht mehr mit dir vor den Kindern streiten. Ich mag dich auch nicht mehr von meinen Erziehungsideen überzeugen. Und genauso wenig von deinen überzeugt werden. Was ich aber will ist, dir zuhören, wie du zu deiner Meinung in bestimmten Erziehungsfragen gekommen bist. Das weiß ich nämlich überhaupt nicht. Und ich will dir von mir erzählen. Ich denke da an etwa eine bis eineinhalb Stunden. Wann hast du dafür Zeit?“ 

    Wenn ihr euch trefft, stellt ihr einen Timer auf 10 Minuten. Oder ihr behaltet eine Uhr im Blick. Legt fest, wer zuerst fragt und wer zuerst antwortet. Dann stellt der Fragende dem anderen die erste Frage, deren Antwort nicht kommentiert wird.

    1. Was bedeutet für dich Erziehung?  
      (Wollt/et ihr jedes einzelne Kind erst einmal kennenlernen? Oder habt ihr eine Idee, wie oder was es später werden soll?)Wenn euer Partner nach 5 oder 6 Minuten nichts mehr zu sagen weiß, wartet die restliche Zeit in Stille miteinander ab. Manchmal kommt nach einer Pause doch noch etwas hoch, was es zu dem Thema zu sagen gibt. Wenn nicht, ist es auch gut. Dann ist das jetzt so. Dann stellt ihr den Timer ein weiteres Mal auf 10 Minuten ein und fragt:
    2. Was möchtest du unserem Kind/ unseren Kindern vermitteln? 
      (Ein sportliches Kind entwickelt sich eher nebenbei, wenn Eltern sich auch gern bewegen. Auch wenn einige Kinder manchmal schon als Sportler auf die Welt kommen, obwohl ihre Eltern Couchpotatoes sind. Aber es gibt natürlich auch Kinder, die alles andere lieber machen, als Sport – auch wenn die Eltern die größten Sportskanonen sind.)
      Wie vorher, wartet ihr ab, bis der Timer abgelaufen ist, bevor ihr die nächste Frage stellt.
    3. Wie kann ich dir dabei helfen? 
      Wenn ihr euch bewusst seid, dass ihr ihnen etwas vermitteln wollt, ist das Was erstmal nicht so bedeutsam. Bedeutsam ist, das Wie ihr das umsetzt. Dein Mann hat ja völlig Recht, wenn er sagt. „Irgendwann ist aber mal Schluss!“ Nur: Wann ist Schluss, für dich? Für ihn? Und wie vermittelt ihr das? Mit „Sei still! Halt die Klappe! Pass ja auf, dass du keine fängst!“ Oder: „Ich will jetzt Ruhe, sucht euch einen anderen Ort, wenn ihr …“ bzw. „Ich will, mag, brauche, möchte jetzt Ruhe, ich gehe in mein Zimmer. Klopft bitte an, wenn ihr etwas von mir wollt.“ Oder zum Partner: „Ich brauche Ruhe, kannst du eine halbe Stunde, Stunde übernehmen, sonst flippe ich gleich aus…!? Wenn ich von meiner Runde um den Block zurückkomme, übernehme ich wieder.“

    Nach 30 Minuten macht ihr zwei bis drei Minuten Pause, dann wechselt ihr.

    Nach der nächsten kurzen Pause könnt ihr euch, wieder im Wechsel, gegenseitig 1 Minute Feedback darüber geben, was ihr dazugelernt habt. Spaß macht das zum Beispiel, wenn ihr dafür nur einen Satz findet, wie: „Konservativ bedeutet für mich Gehorsam und für dich Sicherheit.“ „Bedürfnis- und bindungsorientiert bedeutet für dich Freiheit und für mich Chaos.“

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    Mona Kino ist Autorin und erlebnisorientierte Familientherapeutin in Berlin. Seit 2014 praktiziert sie TrainingEmpathy. Sie ist Trainerin, Supervisorin und Referentin für Teambuilding in der Erwachsenenbildung. Ihr Ziel ist, den Menschen ein stärkeres Selbstgefühl für ihre persönlichen Kompetenzen zu vermitteln, damit sie jederzeit klare und für sie stimmige Entscheidungen im Miteinander treffen können. Sie ist Mutter von zwei Jugendlichen und schreibt, neben Drehbüchern, Artikel zum Thema Beziehungskompetenz und Empathie in Schule, Familie und Gesellschaft. www.monakino.de

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